Verfasst von: spencertee | 2. Februar 2011

„I have returned!“

Irgendwann Ende November in einem Zug in Baden.

Züge sind die schönsten Transportmittel der Welt, egal ob in England oder Deutschland.

Wo sonst bekommt man die Gelegenheit, sich vom mofaartigen Knattern und Knarzen schlechten Gewalt-aber-wir-haben-auch-Gefühle-Metals zuscheppern zu lassen, der vom mp3-player seiner Vordermännin jeglichen Bassfrequenzen beraubt den Luftweg bis zu den eigenen Ohren mit Geräusch, das vermutlich „böse“, „ehrlich“ und darüber hinaus „Musik“ von „echten Männern“ sein soll, zumüllt? Bekommt man selten, genau. Ich schließe also meine Augen und versuche, diesem kostbaren Moment allen ihm gebührenden Raum zu lassen, versuche, sein gesamtes Gewicht auf dem Seidentuch meiner Existenz zu spüren. Danke, schöngeistige Fremde. Doch bist du eigentlich schon taub?

BIST DU EIGENTLICH SCHON TAUB? In Gedanken sehe ich mich neben ihrem Sitz im Gang stehen, jede Faser meiner Stimmbänder bemühend, um mich nach ihrem auditorischen Wohlergehen zu erkundigen. Die Unterhaltung des gesamten Zugwagons ist zwar sicher ein Akt ausgesprochensten Großmuts, aber irgendwo hat auch jede Selbstlosigkeit ein Ende. In meinem Kopf also reiße ich ihr zutiefst alarmiert die Gummistöpsel aus den Ohren, wobei einer der Lärmknubbel sich in ihrem der Originalität und Echtheit des Riffgewitters in nichts nachstehenden Ohrring verfängt und diesen in Folge meiner beherzten Bewegung unbarmherzig und humorlos durch das rosa Fleisch ihres Ohrläppchens zieht. Bist du verrückt, Kind? Denk doch an dein Trommelfell! rufe ich mit der Besorgnis einer liebenden Mutter, während eine blutrote Flüssigkeit (Das könnte Blut sein, denkt sich der Hämatologe in meinem Kopf) in einem bemerkenswert geraden Strahl aus dem unteren, nun geteilten Ende ihrer Ohrmuschel dringt und dem royal-navyblauen Karomuster des Deutsche-Bahn-Sitzes neue Frische, neues Leben verleiht (Ach Gott, den Sitz muss man am besten gleich einweichen, denkt sich die gute Hausfrau in mir). Aaargh! schreit das geräuschgeile Gör. Du dumme Sau! In die Wut ihrer Stimme sickert sofort die Art von Enttäuschung, die kleine Mädchen ihren Tränen beimischen, wenn ihr rüder Klotz von Klassenkamerad ihnen im Sportunterricht den Fußball ins Gesicht gewuchtet hat. Ach Scheißeee! Nun folgt auch das Schluchzen. Das Blut hat nämlich nicht nur den Sitz besudelt, sondern auch den weißen Pelzkragen ihrer kunstledernen Winterjacke. Ach, Scheiße, ja, muss ich dann irgendwie zugeben. Ich hol da mal was für, murmele ich und verzieh mich schnell auf die Toilette.

Wovon jede Bahnfahrt in deutschen Zügen ja unbedingt begleitet sein sollte, ist der quasi-rituelle Reinigungsakt des Händewaschens. Nicht etwa der Hygiene wegen, nein! Die Seife! Der göttergleiche Duft der Seife! Die Zitronenmelissenseligkeit der DB-Reibe-Seife! In meinen Gedanken stehe ich nun, innerlich tief bewegt, vor dem zerkratzten und beschmierten Spiegel der Zugtoilette und sehe Tränen der Glückseligkeit wie flüssige Saphire meine Wangen hinunterkullern. Oh Seife! sehne ich. Melisse! Ich versenke die zitternden Fingerspitzen meiner rechten Hand im lauwarmen Seifensud, der im verstopften Waschbecken wie ein Tagtraum zu verweilen scheint. Feierlich, wie zur Taufe der Pfarrer, hebe ich schließlich meine Hand und schreibe, während jeder Buchstabe unter der Melissenfeuchte meines Zeigefingers quietscht, meine Botschaft an die Welt auf die von Eddingsentenzen entweihte, silberne Spiegelfläche:

Sonett an die Seife

(Hier könnte Ihr Sonett an die Seife stehen!)

Hach! Ich trete einen Schritt zurück, um mein Werk zu betrachten. Plitsch-platsch machen meine Schritte und ich frage mich, warum manche Menschen eine Toilette aufsuchen, um dann neben die Schüssel zu strullern. Doch halt, Urin ist nicht rot (Es sei denn, man leidet unter Hämaturie – auch ein Urologe scheint in meinem Kopf zu sitzen)! Die Lappen! Das Läppchen! Der Kragen! Das Mädchen! Wie der Geruch von Ammoniak schießt mir meine ursprüngliche Toilettenmission wieder in den Kopf. Ich haste zur Tür, drücke wild und wiederholt auf eine grünen Knopf, die Tür macht Pffsch, schiebt sich zur Seite, ein großer Schwall von Blut, eine Blutflut, Swuschsch, ich werde erfasst, rudere mit allem, was rudern kann und bekomme, irgendwann im Gang angekommen, endlich meinen Kopf wieder über die Oberfläche des roten, dickflüssigen Gewässers. Sie… ist… Bluter… höre ich einen gurgeln. Das… heißt… BluterIN… gurgelt und keift eine zu hohe Frauenstimme zurück (Bluter. Dysfibrinogenämie. Mutation im Exon 3 der coiled-coil-Region, gibt nüchtern der Hämatologe zu Protokoll. Ach Gott, den Zug müssen wir am besten gleich einweichen. Die Hausfrau. Und eins und zwei, und rudern und stechen! ruft schließlich ein Profischwimmer von athletischer Statur, dessen Existenz in mir ich bis dahin nicht gewahr war. Genau, wir müssen hier raus! Alle drei sind sich einig). Ich mühe mich also rudernd und mit lecker Eisengeschmack im Mund zur rechten Seite des randvollen Blutgefährts und bekomme nach drei Versuchen mit dem roten Hammer (Den ich schon immer mal ausprobieren wollte! Der kleine Junge in mir ist begeistert) die Scheibe eingehauen. Swuschsch macht es wieder, Fluschsch, als sich der gesamte Schwall aus dem nun stehenden Zug auf einen steinernen Bahnsteig entleert. In einer roten, warmen Lache liege ich. Auf dem blanken Beton. Um mich die anderen, ächzenden Fahrgäste. Meine Augen versuchen, den Schmerz, den mein Hinterkopf in Folge des Sturzes zu berichten hat, zu ignorieren und bekommen nach ein paar Versuchen den Blick auf ein blaues Schild mit weißer Aufschrift scharfgestellt. Karls… ruhe. Wir… sind… da. Aus dem Augenwinkel sehe ich, während meine Sinne mich verlassen, das Metalmädchen noch immer vor ihrem Sitz im Wagon stehen. Ihr Blick ist leergesaugt und auch ihr offen stehender Mund gibt keinen Laut mehr von sich. Ihr Gesicht, ihr ganzer Körper erinnert mich an das müde Fruchtfleisch einer ausgepressten Zitrone. Mmh. Zitrone. Melisse. Man… bringe mir… die Seife.

(Bewusstlos. Sauerstoffmangel. Hilfe wär gut jetzt! Leicht besorgt klingt er, der Hämatologe. Ach, das wird schon, sagt die Hausfrau. Aber Gott, am besten sollten wir ihn gleich einweichen! Richtig, ja! Genau. Schnauze! schreie ich, Schnauze! Seid endlich still in meinem Kopf! Ich werd noch verrückt mit euch! Ich flüstere auf beunruhigend irre Weise, während meine Hand den letzten Satz dieser Geschichte schreibt, anschließend meine Sachen greift und ich am nächsten Bahnhof am weißen Pelzkragen vorbei gehe und in Fahrtrichtung rechts aussteige: Karlsruhe. Wir sind da.)

Verfasst von: spencertee | 13. Mai 2010

500

Erst ein paar schüchterne Tropfen, dann die große Explosion: Als hätte jemand einen riesigen Plastiksack voll mit styroporenen Kügelchen zwischen die Wolken gehängt und dann aufgestochen, fallen Millionen von Hagelkörnern auf die Erde, auf Autos und auf die Häuser und Sträßchen von Crewe. Für einen Moment scheint alles ganz unecht. Im Regen der Kunsstoffkugeln erwacht ein beinahe möbelhäuslicher Wohnzimmerfassadencharme und ich überlege mir, im Freien stehen zu bleiben und vom Schirm geschützt dem Schauspiel beizuwohnen. Und stelle mir vor, dass, wenn man nur lange genug draußen steht und wartet, sich die ganze Stadt mit Styropor füllt und niemand mehr geht oder fährt, sondern rudert, mit Armen und watend oder in einem Boot sitzend und mit Paddel. Schließlich schließe ich aber doch die Tür auf und gehe nach drinnen, draußen ist es nämlich, trotz aller comicweltlichen Verzauberung, kalt.

Es ist eine Zeit der Parallelwelten, dieser Mai in diesem Jahr. Mit jedem Tag rückt der Abschied von England ein kleines Stück näher und auch wenn ich jeden einzelnen Moment hier ausweiden wollte, muss ich mich doch mit der Zeit nach meiner Rückkehr befassen – Bewerbungen, BAföG-Anträge, Urlaubsplanung, Hausratversand. Die ständige Rückschau und Frage, ob sich die Zeit hier gelohnt habe, bleiben natürlich nicht aus. Ich musste mir erst ein paar Mut zusprechende Zeilen aufschreiben, um mich selbst vollends zu überzeugen. Aber ja, doch, es war wichtig und richtig. Eine feine Zeit.

Doch genug der Introspektion! Auf der anderen Seite meiner Schädeldecke passiert nämlich mindestens genau so viel. Vorgestern zum Beispiel folgte ich meiner ganz natürlichen Ordnungssehnsucht, die mich alle paar Wochen dazu zwingt, den örtlichen Frisör hier aufzusuchen. Das hatte bis dahin immer gut geklappt und das Ergebnis war allermeistens befriedigend bis annehmbar. Sicher, wie nach jedem Frisörbesuch hastet man erstmal schnell und hoffentlich unerkannt nach Hause und dort vor den Spiegel, weil nach dem Schneiden plötzlich alles so unglaublich kurz und komisch aussah. Dann folgt aber bald schon die Erleichterung und nach einem kurzen Durchwuscheln der Haare sieht eigentlich alles aus wie vorher, nur kürzer und möglicherweise besser.

Nicht so dieses Mal.

Zu kurz! Zu spießig! Zu… alles!

Mit unschuldigem Lächeln hatte die gute Frau noch bemerkt, dass die Locken ja verschwünden, wenn man die Haare kürzer schneide. Rückblickend muss ich sagen: Natürlich verschwinden die Locken! Wenn man alle Haare abschneidet, verschwinden auch die Locken! Locken bestehen aus Haaren! Ohne Haare keine Locken! Gosh!

Ja, nun hilft nur Warten. Warten aufs Wachsen. Hrmpf.

Einen Ort, den ich aufgrund seiner ebenso übermäßigen Unansehnlichkeit vielleicht als böses Vorzeichen hätte werten soll, sah ich mir noch schnell am letzten Montag an: Birmingham, die zweitgrößte Stadt Englands!

Hier wäre ich gelandet, hätte ich mich für ein Erasmus-Jahr entschieden. Hier in diesem, wie soll ich es nennen… rattenverseuchten Höllenloch? Ein von den geschwollenen und ungestümen Pranken der Nachkriegsplanungseffizienz angerichtetes Betonunglück? Na ja, irgendwie so was wohl. Grau, steinern und nicht zwangsläufig ein Ort, mit dem man Attribute wie „schön“ oder „hübsch“ beschmutzen wollte. Gut, manche Flecken stellen sich dann doch als hässlich im Sinne von hässlich-interessant heraus. So zum Beispiel ein leerstehendes Parkhaus mit einem Bild von Kylie Minogue an der Wand (Ha, guter Trick! Einfach in der ganzen Stadt Bilder von schönen Frauen auf den blanken Beton pappen – fertig ist die schöne Stadt!) Ich finde außerdem einen netten und großen Second-Hand-Laden und kaufe ein blaues T-Shirt mit Seltsam-Aufdruck für drei Pfund. Die Alternative-Tour setzt sich in ein Öko- und Weltverbesserungscafé fort, wo ich irgendeinen Gemüseburger esse – trocken, aber doch ok-lecker, so das Fazit. Die Kanäle im Südwesten der Stadt sind dann der vielleicht einzige richtig schöne Ort, den ich in der Stadt entdecke. Nice, aber nicht so toll wie die in Manchester, meiner zukünftigen UK-Wahlheimat. Dort also herumstromern, kurz zurück in die Innenstadt, bei H&M eine unmöglich geschnittene Hose anprobieren, im Café Kaffee ungeschickt in die Untertasse rinnen lassen und den Rest trinken und dann auch schon wieder zurück in die Homebase Crewe. Hier nun also eine nicht unbedingt uneingeschränkte Empfehlung für Betonham – schon ok, aber irgendwie dann auch… hm.

Eigentlich so wie erwähnte Hose: an den falschen Stellen irgendwie zu groß, grau und die Verwunderung hervorrufend, wie sich darin jemand wohl fühlen soll.

Nach all dem Unschönen muss ich aber noch kurz von meiner neuen Liebe berichten. Ich, der bis jetzt immer alle Autonarren als tumbe Blechschädel betrachtete, hat tatsächlich DAS Auto gefunden im Sinne von das-allerbeste-und-allercoolste-Auto-der-Welt-das-ich-mir-jetzt-sofort-kaufen-möchte! Ha! Peinlich, ja. Aber das Gefährt ist einfach zu schön, um es nicht zu mögen, nein, lieben! Es handelt sich um den

Fiat 500 (Fanfaren)!

„Fiat?“ möchte man meinen, „Sind das nicht diese kleinen, hässlichen, unbequemen Kartons mit Rädern dran?“

Ja! Genau die! Der Fiat 500 (Fanfaren) unterscheidet sich von seinen Geschwistern allerdings durch das erhabenste Design, das man sich nur vorstellen kann. Würde Apple Autos herstellen, sähen die genau so aus! Ich schwör’! (Zugebenermaßen habe ich das Ding bis jetzt nur von außen betrachtet, und wenn man damit fährt, wünscht man sich bestimmt, nie mehr in ein Auto steigen zu müssen, weil es unerträglich lahm und eng ist. Aber egal – nach siebeneinhalb Monaten Minirockdauerbeschuss sind mir alle inneren Werte egal geworden!)

Mein Plan für die verbleibenden zweieinhalb Wochen also: Geld beschaffen (irgendwoher!), Fiat 500 (Fanfaren) kaufen, miniberockte Schönheiten einladen und – zack! – zurück nach Deutschland eiern! Wer also bald das schönste Auto der Welt laut hupend die Straße hinab fahren sieht, weiß, dass ich wohlbehalten zu Hause angekommen bin.

Und jetzt geh ich die HSBC ausrauben, die sind sowieso doof.

Ciao!

Verfasst von: spencertee | 26. April 2010

The Rise and Fall of Jacqueline

Wuööhrghhh!

Blinzeln, Zittern, Warten.

Wuööhrgkhhh!

Ein Strahl, so stark, ich würde abheben und davon schnellen, hielte ich mich nicht an der Schüssel fest. Es ist der vorletzte Tag unserer Schottlandreise und ich hänge in verkrampfter Erbrechensstellung über dem Klosett des Princes St Backpacker Hostels in Edinburgh. Aus irgendeinem unteren Geschoss des Gebäudes tönt eine Liveband, sie klingt wie R.E.M. und ich denke mir, dass das zu meiner Lage doch überhaupt nicht passen will und wünsche mir, dass eine schlimme Coverband „Summer Of 69“ spielt oder „It’s My Life“ oder „How You Remind Me“. Gleichzeitig frage ich mich, was in meinem Magen wohl vor sich gehen mag. Was hab ich bloß gegessen gerade eben? Giftmüll? Es hat doch nach Burger geschmeckt! Die Band spielt weiterhin gefälligen Alternative Rock und ich entleere mich endgültig in drei weiteren Stößen in die Toilettenschüssel und stelle mir vor, wie mein unverdauter Mageninhalt durch die Rohre des gesamten Gebäudes fließt, vorbei an der Liveband, vorbei an einem Billigstimbiss im Erdgeschoss und ab in den Untergrund Edinburghs, raus aus der Stadt und dann gefiltert in irgendein Gewässer und von dort ins Meer.

Ein kleiner Teil wird so an der schottischen Küste entlang getragen und bleibt irgendwann in einer Bucht der Isle of Skye hängen, wo er in den Kiemen eines Lachses allen Sauerstoff beraubt wird. Besagte Insel ist ein nahezu paradiesischer Ort, der während der zwei Tage unseres Besuchs von ebenso edengleichen Sonnenfluten umspült wird. Mit Audreys Automobil und dem Navi, das „Muh!“ macht, wenn man zu schnell fährt, umrunden wir einen Teil des Eilands und passieren herrenlosen Herden verschiedener Spezies, Wasserfälle und eigentlich Delfine (die ich bisher in Schottland nicht vermutet hatte), die sich uns aber nicht zeigen wollen, die Feiglinge! Um es ihnen heimzuzahlen, überlege ich mir, Thunfisch aus unkontrolliertem Fang zu kaufen, weil sich bestimmt einige Delfinschnitzel in die Dosen verirrt haben! Aber nein, mein Gewissen sagt nein. Es sind auch einfach zu edle Tiere, man sollte sie nicht essen. An beiden Abenden forsten wir unser spärliches Trinkspielwissen mit einer Gruppe von Amerikanern und Spaniern auf – DIRTY, DIRTY, FIVE, FIVE! Ein feuchtfröhlicher Spaß, der sich unter meinem Blick von einem zu verachtenden Proll-Kokon in einen geselligen Schmetterling verwandelt.

Die Wetterfreuden auf der Isle of Skye erreichen uns nach einem wilden Ritt durch schneebedeckte Highlands ganz unerwartet, werden aber mit offenen Armen empfangen. Die ersten zwei Tage in Glasgow sind nämlich in regengraue Schleier gehüllt, was zum farblichen Grundton der Stadt sicher passen mag, uns aber trotz der atmosphärischen Einheitlichkeit nicht immer in vollem Umfang gefallen will. Wir weichen auf zwei Museen aus, essen Suppe, kochen im Hostel – Regensachen eben. Nach dem sehr feuchten tête-à-tête mit Glagsow muss hier nun deshalb leider die Befürchtung bestätigt werden, dass besagte Stadt nicht halb so schön ist wie Edinburgh. Aber welche Stadt ist schon halb so schön wie Edinburgh? Keine! (Abgesehen von Crewe vielleicht. Und Pen Island. Gruß an Tom und Anuschka an dieser Stelle.)

Jens stellt sich alsbald als Küchenchef und Gaumengott der Truppe heraus: Pasta, Fisch, Full English Breakfast und Burger (siehe Erbrechen – allen anderen ging es aber gut!) rührt, brüht, brät und zaubert es uns in den Hostelküchen auf den Teller. Ich danke hier noch einmal. Selbst als uns in Kyleakin Hostelmitbewohner mit verkokelndem Knoblauchbrot im Backofen ein Rauchmeldermedley vorspielen wollen, bleibt er gelassen und köchelt unser Mahl zu Ende. Vorbildlich!

Die einzige kleine Enttäuschung der Reise finden wir am durch kaum mehr als „das nasse Loch“ zu bezeichnenden Loch Ness vor, das zwar mit Scharen von Touris auf üppig bepreisten Bootsfahrten aufwarten kann, ansonsten aber wenig Außergewöhnliches bietet. Wo, bitteschön, war das Monster? Nicht einmal einen Schatten konnten wir ausmachen! Da waren ja die Delfine präsenter! Pah!

Ansonsten ist die Reise aber von überaus schöner Natur, was sicher mit der harmonischen Truppe und der überaus schönen Natur in Zusammenhang steht. Ist dieser Witz schlecht? Ich glaube, ja. Noch schlechter ist nur mein sonntägliches Befinden in Edinburgh. Den ganzen Tag über hänge ich matt im gitterigen Rost meines Gefängnis- und Hosteleinheitsbetts und sehe den wenigen Leuten beim Betreten und Verlassen des Zimmers zu. Neben einer Dreiergruppe von Franzosen teilen wir das Zimmer mit drei jungen Kerlen von Anfang zwanzig oder jünger, die sich besonders in den beiden Nächten den Unmut des gesamten Zimmers zuziehen, sie schnarchen nämlich ganz furchtbar laut! Wir verfluchen sie still. Sonntags dann sehe ich sie dreimal ins Zimmer zurück kommen, wo sie sich dreimal eine neue Garderobe aus ihren riesigen Koffern kramen. Seltsame Gesellen. Sie sprechen außerdem eine Sprache, die ich nicht zu verorten vermag. Handelt es sich bei der Schlafgeräuschgemeinschaft etwa um Ungarn? Europäisch sehen sie nämlich durchaus aus! Gut, einer der Krawallschlummerer erinnert mich ehrlich gesagt an die Gefährten in Herr der Ringe und so entfaltet sich hinter meinen maladen Schläfen die Geschichte von drei Hobbits, die mittels Zeit- und Paralleluniversumsmaschine nach Edinburgh gelangen und sich täglich dreimal umziehen müssen, um ihren strengen Fabelwesengeruch zu verstecken. Ich frage mich, was Tolkien dazu sagen würde.

Den Rest des Tages wanke ich vom Zimmer in die Küche oder zum Abort und gieße Flüssigkeiten in mich hinein oder aus mir heraus. Es macht wenig Spaß, aber was will man vom Kranksein auch erwarten. Kein Ponyhof, etc.

Montag ist schließlich Genesungsbeginn und so wird auch die Heimfahrt nur halb so schlimm. Wir lassen die schönste Stadt des Königreichs hinter uns, Hobbits, Monster und Delfine und eine Woche angefüllt mit allen vier Jahreszeiten und tausend Meilen on the road. Schlösser außerdem und Berge aus Stein und Schnee inmitten karger Weiten –

Schottland eben!

Verfasst von: spencertee | 7. April 2010

„Willkommen Fussball-Ventilatoren der Welt!“

Einkaufen finde ich hier manchmal immer noch etwas befremdlich. Großeinkäufe tätige ich wahlweise bei Tesco oder Asda, zwei Läden, die sich alles andere als unähnlich sind, was so den Aufbau des Interieurs anbelangt. Das führt dann immer dazu, dass ich ganz alltägliche Waren um des Verreckens Willen (dieser dialektale Ausbruch sei mir hier erlaubt) nicht finden kann, weil sie zum einen in den beiden Supermärkten an unterschiedlichen Orten versteckt und zum anderen ganz doof und unlogisch sortiert sind. Klopapier und Tempos würde ich zum Beispiel instinktiv in unmittelbarer Nähe lagern. Hier aber muss anscheinend mindestens ein Regal mit polnischem Dosengemüse oder Bio- bzw. Non-Bio-Waschmittel dazwischen liegen (Hier wird glaube ich so gedacht: zuerst probiert man Bio, weil eben bio und denkt dann: “Meh, funktioniert ja gar nicht!” Beim nächsten Einkauf greift man dann zielsicher zur markierten Chemiekeule, weil wirksam. Umwelt egal – in England sowieso!) Wenn nun auch noch der Samstag als Einkaufstag gewählt wird (unverzeihlich!), irrt man verloren und unrasiert zwischen Dutzenden von Briten, die außerdem fast ausschließlich aus den eigenen Schülern zu bestehen scheinen, durch das Konsumlabyrinth des Super-, nein, Monstermarkts! Dann doch lieber täglich zum kleinen und teureren Sainsbury’s um die Ecke…

Rätselhaft sind auch die in hellrosa bis flieder getauchten Grußkartenparadiese, deren Pastellfarben einem hier an jeder Ecke die Magenwände erzittern lassen. Bis jetzt ist mir noch nicht einsichtig geworden, weshalb man mehr als 40 qm Ladenfläche dem Objekt Grußkarte widmen sollte und dann scheinbar alles daran setzt, nur hässliche, peinliche, lahme oder von allen drei Eigenschaften überreich Gebrauch machende Exemplare zu exponieren. Ich bin hier jedenfalls fast ausschließlich dazu übergegangen, alle Geburtstagskarten selbst anzufertigen. Wer nun mit dem erhaltenen Botschaftsträger nicht zufrieden sein sollte, sei vertröstet: Es hätte viel schlimmer kommen können!

Doch eigentlich will ich mich nicht nur beschweren über die englische Konsumkultur. Eine sehr feine Einrichtung sind nämlich die Wohltätigkeits- und Krankheitsbeseitigungsläden (Oxfam, British Heart Foundation, Cancer Research UK…), die meine CD-Sammlung beträchtlich haben anschwellen lassen. Und Bücher! Wie soll ich diese Bibliothek nur wieder zurück nach Deutschland schaffen? Ich sollte auf E-Books umsteigen! (Vielleicht mit dem neuen iPad?) Aber gibt es dort überhaupt einen Gebrauchtmarkt? Oder bei iTunes? Argh! Die digitale Revolution frisst jede Nostalgie und Geheimnisvölle von Ton- und Zeichenträgern! Was gibt es Schöneres als vergilbte Seiten, geziert von in blumiger Handschrift verfassten verblassten Widmungen an irgendjemandes Ex-Freund? Oder unachtsam zerkratzte und -schabte CDs in nur von gutem Willen zusammengehaltenen Hüllen gleicher Bearbeitung? Nichts!

(Beziehungsweise nur Weniges. Unter anderem:

- Scarlett Johansson

- Ibanez Jet King

- der alte HSBC-Stützpunkt in Manchester (siehe Oktober)

- schüchtern mit Fremden flirten und sie niemals ansprechen, so dass sie auf ewig als Geister in deinem Gehirn herumspuken

- die Stimme von Owen Pallett)

Ja, Owen Pallett! Zuletzt gehört: kürzlich! Und zwar vorletzten Sonntag im Deaf Institute in Manchester, wo mir zuvor schon Why? meinen Geburtstag versüßt hatten. Beide Konzerte sowie der Ort an sich waren und sind nur mit Attributen wie prachtvoll, herzlich oder herzerwärmend zu beschreiben. Die Räumlichkeit mutet mit seiner an der Rückseite vorzufindenden Sitztribüne fast wie ein altes Theater an – eine ideale Kulisse für die musikalischen Schauspiele, die sich uns bei beiden Konzerten bieten.

Die Tickets für das Konzert der Indie-Hip-Hopper Why? erstehe ich nur ganz kurzfristig und völlig überraschend und bin deshalb umso erfreuter, ihrem Treiben beiwohnen zu können. Genauso überraschend sitze ich vor der Show in einem Vegetariertempel unweit der Venue am Nebentisch und deshalb Rücken an Rücken mit Yoni, dem Sänger der Band, und verspeise ehrfürchtig mein Gemüseirgendwas. Ganz respektvoll spreche ich ihn nicht an, aber was sollte ich ihm auch erzählen? Der Mann weiß alles! Schaut euch seine Texte an! Neben der lyrischen Komponente erstaunt mich live auch zum wiederholten Mal das Spiel des Schlagzeugers Josiah, der gleichzeitig noch zielsicher sein Vibraphon bedient! Beeindruckend! Als Vorband fungieren die Berliner I Might Be Wrong, auch sehr nett, aber irgendwie unglaublich jung! (Was habe ich mit Anti-Trust und Irie nur falsch gemacht??)

Der Abend mit Owen Pallett spielt sich etwas kontrastreicher ab. Passend zur Lokalität empfängt uns zu Beginn erstmal klassische Musik aus der Konserve und ich fühle mich ziemlich sophisticated. Dann aber die erste Kehrtwende: Es spielt eine norwegische Instrumental-Electro-Metal-alles-auf-einmal-und-trotzdem-supertoll-Band, deren Namen niemand versteht, weil der Gitarrist während der Lieder zwar wie ein Berserker über die Bühne tollt, in den Pausen aber schüchtern und mit Akzent ins Mikro flüstert. Eine sehr unterhaltsame Bande und vermutlicht nicht das, was sich der Großteil des Publikums erwartet hat. Nice! Schließlich betritt aber Owen Pallett, eine irgendwie bardenhafte Erscheinung, die Bühne. Die Geige im Anschlag und ein Loop-Pedal zu Füßen schichtet er Tonspur um Tonspur zu sehnsüchtigen Klangkosmen auf und erreicht so fast ohne Beihilfe anderer Musikanten eine dem Konzertsaal angemessene Opulenz. Nur ab und an unterstützt ihn ein waldschratiger Gitarrist und Trommelbediener und tanzt dazu amüsant und wie in Trance um sein Instrumentarium. Das Ganze – die Musik, Palletts Ansagen zwischen den Liedern, der Saal, die Stimmung, der Waldschrat – kann durch nichts anderes als schön bezeichnet werden! Umso ärgerlicher, dass wir (Jens, Max und ich) schon vor Ende des Konzerts zum letzten Zug eilen müssen (aber warum muss man das Konzert überhaupt sonntags veranstalten?). Zwischen zwei Liedern und nachdem ich Irina per SMS nochmals verzweifelt nach dem letzten Zug gefragt habe, hasten wir also von der Sitztribüne durch die Menschenmasse zum Ausgang und ich bin mir sicher, dass ich irgendjemandem ganz schrecklich über den Fuß gelaufen bin und die Person mit dem nun verdrehten und zertretenen Knöchel nie wieder richtig laufen können wird. Es tut mir Leid! Aber… der Zug! Ach, lebte ich doch nur in Manchester…

Die ganze Nacht durchzufeiern hätte sich allerdings auch zu einer sehr fordernden Aufgabe aufgetürmt, waren Max und ich doch den Tag zuvor in Liverpool unterwegs, um tagsüber die ganze Stadt inklusive der drei Kathedralen (Liverpool Cathedral, Liverpool Metropolitan Cathedral, Anfield Stadium) zu durchwandern und abends dann diverse Trink- und Tanztempel unterschiedlicher Güteklasse anzusteuern. Ein sehr vergnüglicher Tag, der dankbar mit einem Schlafplatz am Wohnzimmerboden des deutschen Straßenmusikers Tom beschlossen wurde. Danke hier nochmal an Max für den netten Besuch! Und an Tom für die Gastfreundlichkeit!

Wer sich nun noch kurzfristig entschließen sollte, hier vorbeizuschauen, hat genau sieben Wochen Zeit. Ab Anfang Juni bin ich nämlich ziemlich sicher wieder in Deutschland vorzufinden. Bis dahin folgen hoffentlich noch ein paar Blogeinträge, unter anderem bald: Meine Schottlandreise von letzter Woche. Stay tuned!


Verfasst von: spencertee | 15. März 2010

follow me down to the rose parade

Es ist der Tag der etwas mickrigen St. Patrick’s Day Parade in Manchester und in fünf Tagen bin ich 23. Kein Grund zur Sorge eigentlich, mögen sich nun alle sagen, die älter als 23 sind. Aber umso greiser man wird, umso mehr fragt man sich wahrscheinlich: x Jahre? Kann das wirklich wahr sein? Hab ich denn schon genug erlebt? Hab ich es wirklich verdient, schon x zu sein? Und in meinem speziellen Fall: Seh ich nicht sowieso erst aus wie 18? Vielleicht rührt genau daher auch das ganze Unheil, das sich mein Leben nennt!

Hm!

Das also als Einstieg in diesen Blogeintrag: Ein Einblick in momentane Lebenskrisen.

Dabei sollte es doch ganz anders losgehen! Und zwar so:

Donnerstags vor dem Tanzen (Bild links!) fahre ich oft schon früher nach Manchester, laufe (für alle Nicht-Süddeutschen: “gehe”) ein wenig die Oldham Street im alternativen Viertel der Stadt, dem Northern Quarter, hinab, kaufe mir eine CD für ein paar Pfund im Vinyl Exchange und setze mich danach mit Buch, einer cuppa T und neu erstandenem Ohrenschmaus ins überaus nette Nexus Art Café, einem Ort und Hort des Friedens und der Abrüstung. Dort versinke ich in einem der bequemen Bastsessel und versuche, intellektuell und myteriös auszusehen, was mir aufgrund meiner Brille ganz hervorragend gelingt. Im Hintergrund läuft Indie/Pop/Folk (oder alles auf einmal) oder auch mal The Doors und an den Wänden findet sich Kunst junger Künstler aus Manchester. Ein rundum gelungener Ort also, auch wenn man dort im Keller kein echtes Licht von draußen hat. Dafür aber den Widerschein von Videoinstallationen mit Menschen, die über Wiesen tollen (echt wahr!). Während der Zeit hier bekomme ich also schon mal einen netten Ausblick auf meine nur gute 40 Jahre entfernte Pensionierung: lesen, Käffchen, Kontemplation.

Viel Zeit lässt sich auch in der Parallelwelt des Homerecordings verbringen, die einen jedes Hungergefühl oder Verlangen nach sozialer Interaktion vergessen lässt – für mich als Essen verachtenden Menschenfeind natürlich ein Traum. Aufgrund des Zusammentreffens mangelnder Fähigkeit und überzogener Perfektionssehnsucht habe ich bisher leider nur ein Lied fix und fertig und auf meiner Myspace-Seite rumgammeln. But more is soon to come, ich versprech’s! Gerade doktore ich an doofen Synthie-Streichern herum, die sich wohl nie echt anhören werden. Damn it.

Well. Immer, wenn ich hier ein Konzert besuche, bekomm ich ganz unglaubliche Lust, wieder gemeinsam mit anderen Menschen auf so einer Bühne zu stehen. So zum Beispiel letzten Freitag bei den Blood Red Shoes, einem britischen Alternative-Duo. Wie bei vielen anderen Zweigespannen dieser Tage wird hier durch die Besetzung Mann/Frau ein Oszillieren zwischen dem familiären Gefühl vertrauter Brüder- und Schwesterlichkeit auf der einen und subtiler sexueller Spannung auf der anderen Seite erzeugt. Ganz allgemein kommen die beiden Charaktere auf der Bühne nicht komplett originell daher: Laura-Mary, die weibliche Bandhälfte, präsentiert sich sehr unnahbar, kühl und unbewegt – sexy eben; Steven, der blonde Wuschelkopfhänfling am Schlagzeug, ergänzt das Bild um beinahe bubenhafte Rocksäuigkeit. All das aber soll die beiden nun gar nicht übermäßig abwerten, denn sie machen ihre Sache sehr gut und auch die Songs, so reduziert sie denn instrumentiert sein mögen, warten mit zweistimmigem Gesang, catchy hooks und raffinierten Überraschungsmomenten auf. Kein schlechtes Konzert also, aber ich habe schon technisch versiertere und originellere Musiker hier gesehen (Phoenix! Jesca Hoop!). Nach kurzer Recherche auf wikipedia weiß ich jetzt allerdings, dass Laura-Mary drei (!) Gitarrenverstärker auf einmal ansteuert und eine eigens für sie konstruierte siebensaitige Gitarre spielt! Wow!

Doch weg von all dem jugendlichen Treiben hin zu meinem neuen Rentnerhobby Wandern. Zuletzt geschehen am letzten Wochenende, und zwar im Lake District im Norden Englands. Von der Homebase Penrith aus trampen (immerhin hier kommen die Studenten in uns durch) wir, Anuschka, Tom und ich, ins hübsche und touristenbesamte Keswick, das man fast wie “käsig” ausspricht und deswegen von uns auch so genannt wird. Dort am See entlang und am Ende der Wandertour auf ein Hügelchen mit Panoramablick. Fein! Sonntags bewandern wir die Felder und Wälder um Penrith. Wie zuletzt in Irland ist hier viel Schaf und Kuh zu sehen und man muss oft durch die Schafkoppeln durch, um dem Wanderpfad folgen zu können! Beeindruckend. Die beiden Höhepunkte des Tages sind sicher der Autofriedhof mit angegliedertem Schrottplatz, der sich ganz unvermittelt in den Wald und unseren Spazierweg hineinfrisst, und unser Düngebeitrag zur kommenden Ernte in Form von über die Schulter gefeuerten Bananenschalen. Ein sehr rundes Wochenende mit viel Sonne, was mich in einem Moment des Leichtsinns dazu bewegt, meinen Mantel für fünf Minuten Mantel sein zu lassen. Dass auf solche Kopflosigkeiten immer eine Erkältung folgt, muss ich wohl nicht erst noch erwähnen.

Das Wochenende davor (ist dieser Blog nicht eine einzige Zeitreise?) bringe ich in York zu, der Stadt meiner green-line-durchfärbten Anglistenanfänge. Schön also, die Entfaltung meine papiernen Jugendträume Englands in die Realität hinein zu erleben. Die Ehrfurcht gebietende Kathedrale wurde da allerdings meinem prädementen Gedächtnis nach nie erwähnt! Nur Kevin und Kate oder so… Limonade machen am Straßenrand… Henry Nussbaumer. Wie auch immer! York ist ein weiteres hübsches Städtchen (irgendwie habe ich zu viele “nette” und “hübsche” “Örtchen” gesehen in letzter Zeit! Auf nach Sheffield, Birmingham, irgendwas Hässliches!), das mich an manchen Eckchen ein wenig an Freiburg erinnert, wobei meine Heimat 2.0 natürlich immer noch viel schöner ist. Trotzdem ganz sehenswert für einen Tag oder zwei. In York sehe ich auch den britischen Kabarettisten Robin Ince, ein ganz spaßiger Typ, dessen mit Querverweisen zu Philosophie, Literatur und anderem Hochgeistigem gespickter Auftritt tatsächlich sehr spontan und impulsiv erscheint. Mindestens genau so spontan zeigt sich der mitreisende Engländer Mark, Freund einer französischen Assistentin. Sich ganz ungeplant angeschlossen trägt er nichts bei sich außer seiner zu dünnen Kleidung (“Where’s your coat??” – “Ah, well…”) und muss sich so erst noch Socken und Zahnbürste besorgen. Der Rest seiner Tracht bleibt ungewechselt, drei Tage und Nächte lang! Der Gute ist übrigens Oxford-studierter Physiker und unterrichtet aus purer Leidenschaft als Lehrgut und -kraft in Leeds! So it goes, sag ich da nur.

Doch speaking of Zahnbürste: Ich werde nun schließen (zuerst den Blog und dann meinen Laptop), um zuerst der Zahnpflege und anschließend Koma/Halluzination/Amnesie zu frönen.

Tüdeldü!

Verfasst von: spencertee | 26. Februar 2010

Stand clear! Luggage doors operating!

Back in blog!

Seit dem letzten Eintrag ist viel Zeit vergangen, und zwar deshalb, weil (oder wie meine Schüler sagen würden, “veel”) ich Ferien hatte und im Urlaub war! Ha! Und zwar in Irland! Doppel-Ha!

Irland ist ein irres Land, in dem ich nirgends Hirse fand.

Oder zumindest in und um Doolin und den Cliffs of Moher. Wie man es aus der Postkartensammlung seiner Mutter eben kennt, dieses Irland: grün und Hügel, aber kein einziger Baum weit und breit! Anstatt dessen Gras, in Form gefressen vom Tier mit dem wohl eigenwilligsten (oder sollte ich sagen widerwärtigsten?) Fleischgeschmack wo gibt auf der Welt: Oris orientalis aries, das Hausschaf.

Unter die große Masse von Schaf, Kuh und Pferd auf dieser Insel haben sich hier und da auch einige Menschen gemischt, doch ist man erstmal aus dem netten Dublin raus, tja, wo verstecken sie sich dann? Sehr verstreut und beinahe eremitisch leben die Iren in manchen Gebieten. Doolin beispielsweise ist eine Aneinanderreihung dreier Örtchen, die zusammen wahrscheinlich keine fünfzig Einwohner zählen. Man nimmt hier also schon drei Menschenansiedlungen zusammen, um von “Dorf” sprechen zu können! Auch Cashel, eine weitere Station unserer Reise, könnte man als Schwabe gut um einen Buchstaben zu “Cashele” erweitern, so beschaulich und nach einer Verniedlichung verlangend ist der Ort! Passenderweise findet sich in einer alten Bibliothek dort auch das kleinste Buch der Welt (und in welcher Sprache ist es geschrieben? Na? Deutsch natürlich!) Hauptattraktion Casheles (hat auch irgendwie was Jiddisches, diese Abwandlung) stellt aber die Kathedrale/Festung dort dar, hübsch auf einem Hügel (“Rock!”) unweit des Städtchens thronend. Aber auch sonst strotzt Irland nur so vor steinernen Bauten, von 2000 BC bis AD und noch darüber hinaus (also nach hinten, Steinzeit und dergleichen). Steingräber (Asterix!), Steinburgen und -abteien (Prinz Eisenherz!), Steinklippen (Herr der Ringe!)…

Aus allem anderen als aus Stein sind jedoch die Herzen der Bewohner: freundlich, hilfsbereit, aufgeschlossen – ein Traum von einem Volk! Einem Fremden den Weg weisen ist hier wie selbstverständlich mit Eskorte und warmem Wort, mit gedanklicher Umarmung verbunden! Ein Ire in Limerick, der uns die ganze Zeit “lads” nennt, was Mia als Nicht-Lad eher bad findet, will für uns sogar das Hostel anrufen und würde uns wahrscheinlich im Notfall in seinem Bett übernachten lassen mit morgendlichem Full Irish Breakfast und anschließender Sightseeing-Tour. So zumindest stell ich mir das vor! Rundum herzlich also, die Menschen.

Auch die anderen Reisenden, die wir treffen, tragen gute Herzen in ihrer Brust: zwei Israelis mit Leihwagen nehmen uns mit zu den gewaltigen Cliffs of Moher und fahren uns später, als wir den Plan, durch den Regen nach Hause zu waten, zu verwerfen gedenken, sogar noch zurück zum Hostel, welches von der mütterlichen Australierin Ann geleitet wird. Im Hostel lernen wir auch Danny aus Kanada kennen, der seit fünf Monaten durch Europa tingelt und uns ganz offenherzig erzählt, dass er sich ungewiss ist, wie es mit seiner Freundin weitergeht, wenn er zurück kommt. Eigentlich hatte er erwartet, dass es während der Reise irgendwann einfach so endet! Trotzdem nett, der Typ.

Ansonsten wird Irland aber im Winter touristisch eher der Rücken gekehrt, was für uns gut ist, weil man nicht überall an- und sich auf den Füßen rumstehen oder sich mit anderen Deutschen unterhalten muss, und schlecht ist, weil nicht alle places of interest geöffnet haben. Aber gut, “ons hasch halt”, um meinen Bruder mal zu zitieren.

Die ganze Reise über leide ich an spröden und aufgesprungenen Mundwinkeln und nehme, ganz hypochondertypisch, erstmal an, dass es nie mehr weg geht und für immer so bleibt! (Mittlerweile kann ich Entwarnung geben: ich bin geheilt!) Aber als Krankheitsfürchtiger wird nun einmal jeder Kopfschmerz sofort mit Tumorverdacht verbunden, rote Flecken auf der Handfläche können nur Vorboten von Stigmata sein und ein trüber Blick am Morgen ist ein eindeutiges Anzeichen für irreparable Leberschäden. Ganz allgemein ist jedes kleine Wehwehchen das harmlose Symptom einer unglaublich schlimmen und bald im vollen Ausmaß wütenden Krankheit! Zu Hülf!

Und so marode, wie ich mir mein körperliches Innenleben vorstelle, sehen in Irland viele der Häuser aus! Ziemlich arm erscheint das Land an manchen Ecken, nur noch weiter unterstrichen von all den Menschen, die uns auf der Straße anbetteln. Ganz und gar nicht komisch eigentlich. Wobei – egal wie grau und abgerissen manche der Hütten aussehen, die Haustür ist immer in irgendeiner knalligen Farbe gestrichen! Kopf hoch, Irland! Beim nächsten Mal einfach den Rest des Hauses nicht vergessen!

Am Ende der Reise kaufe ich mir noch so eine typische irische Tweed-Mütze und stelle hinterher fest, dass ich mich zusammen mit Mantel und Schal nun in ein wandelndes Lehrerklischee verwandelt habe! Herrlich! All die Kleidungsstücke, die man an seinen Lehrern immer so ulkig fand, haben doch genau hier angefangen: als “fetziges” Accessoire zu Studentenzeiten! Ich reihe mich also gut ein.

Ja, das ungefähr war also Irland: grün und grau, arm, aber herzlich, Fels, Gras, Schafe, netter Dialekt (“tirty-tree”). Die Rückreise geschieht gemütlich per Fähre und am Hafen in Liverpool angekommen bekomme ich nach sieben Stunden Fahrt den schönsten Sonnenuntergang der Welt serviert. Nice!

...

Zurück hier in Crewe und mit neuem Lehrerhutensil (haha) ausgestattet beteilige ich mich nun am großen Schauspiel Deutschprüfung, indem ich den Schülern helfe, ihre vorgefertigten Antworten zurechtzufeilen. Das Ganze nennt sich ja “mündliche Prüfung”, hat aber mit meinem oder dem deutschen Verständnis davon wenig zu tun, da es letztendlich nicht darum geht, eine Sprache zu sprechen und zu verstehen, sondern darum, Lautketten im richtigen Augenblick, das heißt als Antwort auf eine andere Lautkette, von sich zu geben. Fuck the system, würd ich mal sagen. Aber was kann man als einzelner Assistent schon dagegen tun? Nicht, dass es die anderen Assitenten nicht auch ganz ungeheuerlich fänden. Tja, mitspielen und lächeln heißt hier die Devise! Und das tue ich mittlerweile auch ganz erfolgreich. Noch drei Monate lang.

Verfasst von: spencertee | 30. Januar 2010

„Schniebenheiben!“

Auf dem Weg nach Manchester, es gilt, die Nacht zu feiern, unsere Existenz und die Wirkung einfach oxidierter Kohlenwasserstoffe auf unsere jungen und halbwegs ansehnlichen Körper. Die Koffeintablette brennt mir ein Loch in den Bauch und ich denke „What the fuck?“ Aber besser ein Brennen im Bauch als eine Trübung im Blick, sag ich immer. Es ist egal, wie du dich fühlst, solange du dabei gut aussiehst. Und „gut“ heißt eben auch hellwach, alert, immer bereit, vor dem Feind zu fliehen oder die Beute zu fassen, jetzt mal ganz evolutionsbiologisch gesprochen. Wichtig für die Frauen. Wissen die natürlich nicht, dass ihnen das wichtig ist. Aber ich weiß es! Deswegen: Immer genügend Koffein parat haben! Der Rest kommt dann von ganz alleine!

Solche Gedanken mache ich mir also manchmal, in Momenten, in denen das Urmenschliche ganz tief drinnen versucht, sich an die Oberfläche zu graben. Hochinteressant!

Ist schon ein paar Wochen her. Nicht irritieren lassen!

Später im Club in der Canal Street, dem Gay Quarter Manchesters:

Die Musik ist ok, vielleicht etwas zu poppig und ohne Überraschungen. Die Menschen sind auch ok, außer ein paar, ich nenne sie Stressben, die sich gegeneinander auf den Kopf hauen wollen. Ich will sie daran nicht hindern, sie sehen ziemlich gefährlich und humorlos aus. Kurz später findet dann das in Blicken und gezischten Hassgelübden angekündigte Szenario seinen Weg auf die Bühne unseres Dancefloors: Zack! Faust vs. Niere! Türsteher vs. Störenfriede! Neugierige Blicke vs. Stilles Ignorieren! Schließlich wieder Ruhe, alle tanzen weiter.

Je nach Tanzlokal findet man hier in der Canal Street eine unterschiedliche Dichte an Heteros, wobei es sich meistens um Frauen handelt, die mit ihrem ja mittlerweile zum zweitwichtigsten Accessoire nach der Clutch gewordenen schwulen besten Freund auf der Tanzfläche rumkreischen und ihre speckigen Arme in die Luft werfen, wenn der DJ mal wieder ein Lied aus ihrer nun im Rückblick eigentlich „voll tollen“ Jugendzeit spielt. Heteromänner sind schon dünner gesät und ich frage mich, ob irgendwer hier mich überhaupt der gegengeschlechtlichen Unzucht verdächtigt. Tom sagt nein.

Auf dem Weg durch die Nacht lernen wir ein paar nette Menschen aus den Midlands kennen, die nach gegenseitigem Vorstellen gleich ihre Deutschkenntnisse demonstrieren wollen: “Schniebenheiben!” sagt Josh, “Schniebenheiben!” Ich bin mir nicht sicher, was er damit kommunizieren will, wir geben ihm aber freundlich und wohlwollend nickend zu verstehen, dass er sich ja wirklich einiges behalten habe aus der Schulzeit! Prima! (“Prima” ist eines der ulkigen Worte, die man hier als Deutschschüler lernt, um große Begeisterung auszudrücken. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie unglaublich out-of-date das Vokabular war, das ich damals lernen musste, waren unsere Schulbücher (Green Line, du wirst immer einen Platz in meinem Herzen haben!) doch so alt wie ich, nämlich von 1987!)

Allgemein sind die Engländer wirklich ein offenes Völkchen, wenn ich mir diese Pauschalisierung hier erlauben darf. Ständig wird man im Club oder allgemein nachts auf den Straßen von wildfremden, aber netten Menschen angesprochen! So auch später von Greg, der seltsamerweise Probleme hat, sich meinen Namen zu merken. Genau so wenig behalten hat er sich einen nicht unerheblichen Teil seiner Kauinstrumente. Ein weiteres typisches Charakteristikum vieler Bewohner dieses Landes (Klischee-Overkill, Teil 2)! Den Luxus einer Zahnspange kann man nun wirklich nicht voraussetzen, aber das Wissen um den Gebrauch einer Zahnbürste? Ich erinnere mich an unser Einführungsseminar in die Welt der Mundhygiene in Klasse Eins… Karius, Baktus… Immer schön kreisen lassen… Zweimal täglich… Cola schlecht… elmex gelée…

Das ist hier wohl alles nicht passiert! Schon in jungen Jahren wird vielerorts Mut zur Lücke bewiesen, Mut zur Unterlassung! Ein wilder Stummeltanz findet statt in den Zahnreihen Tausender, ein Zuckerfest in Kauruinen!

Ebenso wenig vorgebeugt wie der Zahnpest wird hier außerdem ganz anderen Plagen: Blagen! Noch nie habe ich so viele junge Frauen, Kinder noch!, mit Kinderwagen und betretenem Gesicht durch die Straßen laufen sehen wie hier. Sehr faszinierend und auch traurig, manchmal für die Eltern, manchmal für die Kinder, manchmal auch für beide.

Doch genug des Trübsals, zurück in den Ballsaal/Club: Tanz, tanz, tanz, tonight’s gonna be a good night, schließlich um fünf Uhr raus, ab zum Bahnhof, rein in den Zug und ab nach Haus. Genau in solchen Momenten (und vielleicht auch nur in diesen) fühlt es sich wirklich gut und richtig an zu sagen: Ich will nach Crewe! Und zwar jetzt! Sofort!

How I love this place.

Verfasst von: spencertee | 22. Januar 2010

The Rehearsal

At a railway station. A and B are sitting on a bench. A is mumbling, seems to be talking to himself. B is reading a newspaper. He turns his head towards A from time to time, frowning slightly.

A. (mumbling)…and then I said…(mumbling)…but she was like “Gosh!”…(mumbling)…but, oh well, you know?

B. (somewhat annoyed) Excuse me?

A. (pretending to be embarrassed) Oh, nothing!

B. Oh, I thought you were talking to me…

A. Oh, I’m sorry! No, I’m…like…rehearsing conversations…relationships even. Well, nothing important. (Short pause.) But I’ve like…invented an entire host of characters, well, many different ones. Quite strange, some of them, actually! (Puzzled smile.) But anyway – you know, my plan is: if I ever meet somebody slightly resembling one of my characters I can simply chat to them without having to think too much or without…well…major difficulties, you know what I mean? Just – start chatting with them, like out of nowhere! But they’ll join in! Because they’ll feel that I kind of know them! And the thing is: I do! (Pretends he is trying to hide his pride.) Each of the above-mentioned characters has been equipped with a stunningly detailed personal history! Date and place of birth, favourite colour/book/music, siblings, parents, grandparents…well, not all of them. One of them is an orphan who doesn’t know a single thing about his ancestors or possible brothers, sisters. He’s constantly searching for traces, but always in the wrong places – well, I suppose, ’cause what the heck do I know about his family? It’s gonna be hard when I meet him eventually! Don’t know much about him! Complete mystery! I’ll have to make up parts of the conversation…like…spontaneously! And he’s not really an easy person to get along with, you know? But well, all the others are well prepared…there’s nothing that could go wrong really…

Oh, is your name “Alexander” by any chance?

B. (slightly discomforted) Uh, no…?

A. (surprised) Are you sure??

B. (puzzled look) Yeah, kind of…

A. (disappointed) Uh, damn it.

(optimistic) But…what about your mother? Is it correct that she died of pneumonia in 1989 in a hospital in a small town in the Midlands because the windows in her room were broken and nobody noticed? And she’d actually just gone to the hospital because she wanted to get a nose job? Because your father said that her nose is “not exactly small” and that she would snore at night, sometimes? And at the funeral he said “Now I’ll never hear her snore again!” and then everybody cried even harder about poor old Martha? Wasn’t it like that? Yeah? …no?

B. (terrified look)

A. (desperately) Not even…remotely?

B. Uh, I think I have to go now…

A. No! Wait! (smiling nervously, very hectic) You have to tell me more about yourself so I can do some editing on “Alexander”, for next time, you know, haha – or, wait – what’s your real name by the way? (Fumbling for a piece of paper and a pen in his rucksack.)

B. It’s Jules, but…

A. Alright…J-u-l-e-s…got it! Now, your mother’s name…M-Martha, right?

B. I really have to go now…

A. No! Please, just a few more things…! (grabbing B’s arm)

B. I really have to…(struggling with A, breaks away eventually) Excuse me! (Hurries off stage.)

A. (desperately, shouting) WAIT!

(low, choked voice, on the verge of crying) D-d-do you ever feel lonely?

No…?

(Curtain.)

Verfasst von: spencertee | 15. Januar 2010

Zurück in der Fremde

Zurück aus dem Land des Brots und Biers im Land der kalten Füße! Ich bin auf dem Weg nach Manchester, zurück zum Street-Dance-Kurs, zurück in mein zweites Leben hier. Am Gleis steht eine Frau mit Hund, schwarz ist er und sieht im Grunde aus wie ein Schwein und ich frage mich, wieso sie sich nicht einfach ein Schwein hält, das stinkt zwar, aber irgendwann, wenn es alt und schwach wird und/oder einem auf den Geist fällt, kann man es einfach verspeisen – happ happ.

Überhaupt, Hunde – where’s the point? Die stinken ja auch schon erbärmlich, wenn man sich das mal überlegt. Und dann die Fäkalien! Noch mehr Gestank. Und dann sind sie ja auch einfach schrecklich doof. Aber gut, jedem das Seine – ich gehe gern tanzen, andere zerren eine übelriechende Chimäre hinter sich her.

Apropos “das Seine” beziehungsweise “das Meine” respektive “meine”: meine Ferien in Deutschland und London waren sehr, sehr nett! Nicht zuletzt oder (um ehrlich zu sein) ganz grundsätzlich wegen der netten Menschen, die ich dort getroffen habe (und wegen des Blicks auf Big Ben von einer menschenleeren Straße um halb fünf Uhr morgens am 1. Januar Zweitausendundzehn, während der Mond am Himmel uns den (langen) Weg nach Hause leuchtet!) Nein, ehrlich. Hierher zurück zu kommen verlangte einen Sprung über den eigenen Schatten, ein kaltes Bad in Auf Wieder-Seen, ein Zähne zusammen-bye!-ßen (und einen Sack voll schlechter Wortwitze)…und das in einem Haus, in dem es stärker zieht als deine Mutter LKWs auf DSF (und noch einer!)

Dafür hab ich (dank Achim! Danke, Achim!) ein neues zeitraubendes Hobby entdeckt! XKCD-Comics ansehen! Einmal mit dem Random-Button das Archiv durchsucht und man ist süchtig! Leichte Nerd-Knowledge wird allerdings vorausgesetzt (irgendwas treibt mich dazu, “knowledge” im Deutschen als feminines Nomen zu betrachten! Gibt es dazu andere Stimmen?) Ganz unnerdy hab ich aber kürzlich meine Ubuntu-Installation (->Linux) von der Festplatte vertrieben und, wow, es ist wieder Platz vorhanden! Platz für Fotos aus London, anzusehen im Foto-Eimer!

Ja, London. Eine große Stadt, in jeder vorstellbaren Bedeutung. Eine schöne Stadt! Wobei “eine” hier fast wie fehl am Platz erscheint, so vielfältig ist sie…Und vielzüngig, wegen der ganzen Touristen! Im Tate Modern konnte man als multilinguale Persönlichkeit die Beschwerde “Und das soll Kunst sein?” beziehungsweise “Ach, das kann ich auch!” sicherlich in mehr als zehn verschiedenen Sprachen erlauschen. In Camden hingegen dringt einem aus den Lädchen und Ständen des Öfteren ein (nicht immer akzentfreies) “Very good quality! Real leather! Looks very good on you!” entgegen. “For you, I’ll make it…forty pounds!” In Brixton, wo wir am Silvesterabend Basti mit den Indelicates auftreten sahen, lassen sich vierzig Pfund nicht weniger gut anlegen: “Ey…mate…wanna buy some weed?” Im Kontrast zur allgemeinen Shabbiness des Stadteils stehen aber die vielen Kirchen und Gemeinden, die man auf dem Weg zur Windmill entecken kann (vielleicht auch nur, wenn man wie wir die extended version der Route wählt und am Ende ganz Brixton kartieren könnte, aus dem Gedächtnis! Aber das Konzert war gut!)

Speaking of shabby: Unser Hostel war ein wenig schäbig! Im Herrenklo fehlte eine Fensterscheibe einfach komplett (was immerhin konstant gute Luft gewährleistete) und der Raum, in dem wir schliefen, war mehr Bett als Zimmer, so zugestellt war das! In der Ecke war aber zumindest noch Platz für eine Dusche, was für uns Männer auch dringend nötig war, gab es doch in unserer Toilette (im Gegensatz zu der der Frauen) nichts dergleichen. Nachts konnte man anstatt von Schafen die Federn in der Matratze zählen, die sich einem unaufhörlich in den Rücken bohrten, und das Fenster war nur mit einer verwahrlosten Whiskey-Flasche offen zu halten. Aber – und genau deshalb schliefen wir dort – es war unglaublich billig (9 Pfund pro Nacht!)

Ach ja, hab ich schon von der Hinreise gesprochen? Sie war weniger entspannt, als ich mir das vorgestellt hatte! Vielleicht war meine Vorstellung auch ein wenig zu blumig (“Ich steige in Lauda in den Zug ein und zehn Stunden später in London aus dem Zug aus.”), aber dass wir zwei Stunden in Brüssel warten müssen…Immerhin hat sich durch die Zugreise unser ökologischer Fußabdruck nur unwesentlich vergrößert. Jipiie! (Freiburg hat mich für immer zum Öko-Hippie gemacht)

Genauso Hippie waren die anderen Wanderungen durch London (neben der durch Brixton), die nicht immer ganz freiwillig geschahen, sondern in Ermangelung ausreichender Ortskenntnis, aufgrund reiner Dummheit oder von Hunger auf ein full English breakfast getrieben. Letzteres habe ich dort erst kennen- und, man muss es eigentlich nicht hinzufügen, liebengelernt. Wer gerne Fett mit Beilagen (gebratene Tomate; kann auch nur als Deko angesehen und muss also nicht zwangsläufig gegessen werden) zu sich nimmt (und wer tut das nicht?), kann in diesem einen genialen Moment der englischen Küche viel Freude finden.

In meiner Homebase Crewe hab ich nun wieder zu arbeiten angefangen. Die Fehler sind immer noch die gleichen, aber immerhin kann ich sie mittlerweile besser erklären. Und die deutsche Sprache wird mir auch immer klarer! Wer hätte gedacht, dass im Grunde in jedem deutschen Hauptsatz ein Verb an zweiter Stelle steht! Für alle Germanisten hier sich trivial, für mich sehr spannend.

Spannend auch der Rest der Zeit hier, der laut allen, die es schon mal gemacht haben, unglaublich schnell vergeht… We shall see…

Ich verabschiede mich nun und sage

Bye!

Verfasst von: spencertee | 17. Dezember 2009

Huhu!

Nach einer längeren und vor einer längeren Pause soll hier nochmal schnell Bericht erstattet werden, dachte ich mir soeben. Gesagt, getan, here comes my new entry!

Wie schon zuvor muss ich das ganze mit einem Konzertbericht einleiten. Ja, ich muss! Die Künstlerin, von der ich spreche, ist nämlich Jesca Hoop, eine ganz unglaublich tolle und leider noch vergleichsweise unbekannte Sängerin! Dementsprechend hatte auch der Veranstaltungsort wenig mehr als Wohnzimmergröße, was aber mit einer umso größeren Intimität einher ging.

(Ich überlege mir gerade, ob ich auch von meinem Weg zum Konzert erzählen soll… Nein. Ja! Nein!) Ja! Es gibt nicht viel zu sagen, außer, dass ich aus dem Bus ausstieg und ungefähr eine viertel Stunde bis zwanzig Minuten die Straße hinunter hastete, an einem Friedhof, einem Krematorium und einer Wohnsiedlung vorbei, um irgendwann zu merken, dass es doch die falsche Richtung war! Also wieder eine viertel Stunde bis zwanzig Minuten zurück, Friedhof, Krematorium, Wohnhaus, hast, hast, hast, an der Bushaltestelle vorbei und dann nach zwei Minuten vor dem Pub stehen. Hm. Jossi = doof.

Aber gut, das Konzert war sehr fein! Jesca Hoops Stimme ist nämlich nicht nur auf Tonträger, sondern auch im Livebetrieb mit wenig anderem als den Attributen “engelsgleich”, “traumhaft schön” und “überirdisch” zu beschreiben. Auch ihr Gitarrenspiel und die geschickten Wendungen im Songwriting sind als überwiegend positiv zu bewerten. Während die beiden Alben allerdings etwas pompöser und vielschichtiger als der Singer/Songwriter-Durchschnitt produziert sind, kommt ihr Livearrangement relativ genügsam, das heißt mit ein oder zwei Gitarren und ein oder zwei Stimmen daher. Trotzdem gut.

Weniger gut war ein Kerl vor mir, der die erste Hälfte des Konzerts über auf erschreckend unrhythmische Weise dem Takt mittels beherzten Schlägen auf die Schlüssel in seiner Hosentasche hinterherzujagen versuchte. Zwischen den Liedern tat er dann lautstark seine Begeisterung kund, was angesichts des Menschen vorn auf der Bühne sicher verständlich und zu verzeihen ist. Aber der Schlüssel! Argh! Schließlich erbarmte sich jedoch seine Freundin und warf im düstere Blicke zu, begleitet von schrägen Grimassen, die sagen sollten: “Ja, genau in solchen Momenten hasse ich dich! Und jetzt hör auf, du Hirni!” Dieser laute und unbeholfene Trampel sollte also ihr Traumprinz sein…

(Tor zur Unterwelt)

Das war somit das Konzert. Jesca Hoop featuring Schlüssel. Ja, hier gibt es viele Konzerte und das Ganze ist auch noch relativ günstig! Sehr schöner Zeitvertreib also neben Ausruhen, Schlafen, Selbstfindung und… Arbeiten!

Denn seit kurzem darf ich ja nun endlich auch arbeiten wie ein anständiger Mensch! Und was soll ich sagen? Es macht Spaß! Das Niveau ist hier zwar sicher niedriger als bei Englischlernenden gleichen Alters in Deutschland, aber gut. Deutsch ist ja auch nicht leicht! Und das Wörterbuch bedienen auch nicht! Besonders, wenn man die eigene Sprache nur halb beherrscht. Warum sonst sollte man eine Phrase wie “The song ‘Stan’ by Eminem” mit “Das Lied ‘Stan’ kaufen Eminem” übersetzen? Na, wer findet den Fehler? Die Schreibweise welchen Wortes ist leider noch nicht bekannt?

Auch sonst werden gerne lange “i” zu “ei”, wie man es eben im Englischen oft macht, umgedreht, so dass ein unglaublich häufig gehörter Satz lautet: “Kann ich einen helfen?” Fünfzig Jahre zurück und in Rohrstockschläge umgerechnet gäbe das von mir jedes mal sicher 5-10 Hiebe auf die Handflächen. Selbstverständlich muss ich es heute aber bei bloßen Verbalattacken belassen.

Und auch die korrekte Aussprache des “z” wird hier als eher unnötig und vernachlässigbar angesehen. War mir vorher ehrlich gesagt nicht klar, dass das solche Probleme bereiten würde. Der Ersatzlaut ist dann entweder das englische “z” oder ein “s”, auch sehr nett.

Jedoch: Viele (einige) bemühen sich und sind dann auch gar nicht so schlecht. Man muss sie nur genug triezen! Und in diesem Satz ist wohl auch der gesamte Lehrerberuf konzis zusammengefasst.

Nach dem nun folgenden Christmas break wird wieder viel zu berichten sein und ich beeil mich, ich versprech’s!

Nun aber: Merry Christmas and a Happy New Year! See you soon!

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