Verfasst von: spencertee | 15. März 2010

follow me down to the rose parade

Es ist der Tag der etwas mickrigen St. Patrick’s Day Parade in Manchester und in fünf Tagen bin ich 23. Kein Grund zur Sorge eigentlich, mögen sich nun alle sagen, die älter als 23 sind. Aber umso greiser man wird, umso mehr fragt man sich wahrscheinlich: x Jahre? Kann das wirklich wahr sein? Hab ich denn schon genug erlebt? Hab ich es wirklich verdient, schon x zu sein? Und in meinem speziellen Fall: Seh ich nicht sowieso erst aus wie 18? Vielleicht rührt genau daher auch das ganze Unheil, das sich mein Leben nennt!

Hm!

Das also als Einstieg in diesen Blogeintrag: Ein Einblick in momentane Lebenskrisen.

Dabei sollte es doch ganz anders losgehen! Und zwar so:

Donnerstags vor dem Tanzen (Bild links!) fahre ich oft schon früher nach Manchester, laufe (für alle Nicht-Süddeutschen: “gehe”) ein wenig die Oldham Street im alternativen Viertel der Stadt, dem Northern Quarter, hinab, kaufe mir eine CD für ein paar Pfund im Vinyl Exchange und setze mich danach mit Buch, einer cuppa T und neu erstandenem Ohrenschmaus ins überaus nette Nexus Art Café, einem Ort und Hort des Friedens und der Abrüstung. Dort versinke ich in einem der bequemen Bastsessel und versuche, intellektuell und myteriös auszusehen, was mir aufgrund meiner Brille ganz hervorragend gelingt. Im Hintergrund läuft Indie/Pop/Folk (oder alles auf einmal) oder auch mal The Doors und an den Wänden findet sich Kunst junger Künstler aus Manchester. Ein rundum gelungener Ort also, auch wenn man dort im Keller kein echtes Licht von draußen hat. Dafür aber den Widerschein von Videoinstallationen mit Menschen, die über Wiesen tollen (echt wahr!). Während der Zeit hier bekomme ich also schon mal einen netten Ausblick auf meine nur gute 40 Jahre entfernte Pensionierung: lesen, Käffchen, Kontemplation.

Viel Zeit lässt sich auch in der Parallelwelt des Homerecordings verbringen, die einen jedes Hungergefühl oder Verlangen nach sozialer Interaktion vergessen lässt – für mich als Essen verachtenden Menschenfeind natürlich ein Traum. Aufgrund des Zusammentreffens mangelnder Fähigkeit und überzogener Perfektionssehnsucht habe ich bisher leider nur ein Lied fix und fertig und auf meiner Myspace-Seite rumgammeln. But more is soon to come, ich versprech’s! Gerade doktore ich an doofen Synthie-Streichern herum, die sich wohl nie echt anhören werden. Damn it.

Well. Immer, wenn ich hier ein Konzert besuche, bekomm ich ganz unglaubliche Lust, wieder gemeinsam mit anderen Menschen auf so einer Bühne zu stehen. So zum Beispiel letzten Freitag bei den Blood Red Shoes, einem britischen Alternative-Duo. Wie bei vielen anderen Zweigespannen dieser Tage wird hier durch die Besetzung Mann/Frau ein Oszillieren zwischen dem familiären Gefühl vertrauter Brüder- und Schwesterlichkeit auf der einen und subtiler sexueller Spannung auf der anderen Seite erzeugt. Ganz allgemein kommen die beiden Charaktere auf der Bühne nicht komplett originell daher: Laura-Mary, die weibliche Bandhälfte, präsentiert sich sehr unnahbar, kühl und unbewegt – sexy eben; Steven, der blonde Wuschelkopfhänfling am Schlagzeug, ergänzt das Bild um beinahe bubenhafte Rocksäuigkeit. All das aber soll die beiden nun gar nicht übermäßig abwerten, denn sie machen ihre Sache sehr gut und auch die Songs, so reduziert sie denn instrumentiert sein mögen, warten mit zweistimmigem Gesang, catchy hooks und raffinierten Überraschungsmomenten auf. Kein schlechtes Konzert also, aber ich habe schon technisch versiertere und originellere Musiker hier gesehen (Phoenix! Jesca Hoop!). Nach kurzer Recherche auf wikipedia weiß ich jetzt allerdings, dass Laura-Mary drei (!) Gitarrenverstärker auf einmal ansteuert und eine eigens für sie konstruierte siebensaitige Gitarre spielt! Wow!

Doch weg von all dem jugendlichen Treiben hin zu meinem neuen Rentnerhobby Wandern. Zuletzt geschehen am letzten Wochenende, und zwar im Lake District im Norden Englands. Von der Homebase Penrith aus trampen (immerhin hier kommen die Studenten in uns durch) wir, Anuschka, Tom und ich, ins hübsche und touristenbesamte Keswick, das man fast wie “käsig” ausspricht und deswegen von uns auch so genannt wird. Dort am See entlang und am Ende der Wandertour auf ein Hügelchen mit Panoramablick. Fein! Sonntags bewandern wir die Felder und Wälder um Penrith. Wie zuletzt in Irland ist hier viel Schaf und Kuh zu sehen und man muss oft durch die Schafkoppeln durch, um dem Wanderpfad folgen zu können! Beeindruckend. Die beiden Höhepunkte des Tages sind sicher der Autofriedhof mit angegliedertem Schrottplatz, der sich ganz unvermittelt in den Wald und unseren Spazierweg hineinfrisst, und unser Düngebeitrag zur kommenden Ernte in Form von über die Schulter gefeuerten Bananenschalen. Ein sehr rundes Wochenende mit viel Sonne, was mich in einem Moment des Leichtsinns dazu bewegt, meinen Mantel für fünf Minuten Mantel sein zu lassen. Dass auf solche Kopflosigkeiten immer eine Erkältung folgt, muss ich wohl nicht erst noch erwähnen.

Das Wochenende davor (ist dieser Blog nicht eine einzige Zeitreise?) bringe ich in York zu, der Stadt meiner green-line-durchfärbten Anglistenanfänge. Schön also, die Entfaltung meine papiernen Jugendträume Englands in die Realität hinein zu erleben. Die Ehrfurcht gebietende Kathedrale wurde da allerdings meinem prädementen Gedächtnis nach nie erwähnt! Nur Kevin und Kate oder so… Limonade machen am Straßenrand… Henry Nussbaumer. Wie auch immer! York ist ein weiteres hübsches Städtchen (irgendwie habe ich zu viele “nette” und “hübsche” “Örtchen” gesehen in letzter Zeit! Auf nach Sheffield, Birmingham, irgendwas Hässliches!), das mich an manchen Eckchen ein wenig an Freiburg erinnert, wobei meine Heimat 2.0 natürlich immer noch viel schöner ist. Trotzdem ganz sehenswert für einen Tag oder zwei. In York sehe ich auch den britischen Kabarettisten Robin Ince, ein ganz spaßiger Typ, dessen mit Querverweisen zu Philosophie, Literatur und anderem Hochgeistigem gespickter Auftritt tatsächlich sehr spontan und impulsiv erscheint. Mindestens genau so spontan zeigt sich der mitreisende Engländer Mark, Freund einer französischen Assistentin. Sich ganz ungeplant angeschlossen trägt er nichts bei sich außer seiner zu dünnen Kleidung (“Where’s your coat??” – “Ah, well…”) und muss sich so erst noch Socken und Zahnbürste besorgen. Der Rest seiner Tracht bleibt ungewechselt, drei Tage und Nächte lang! Der Gute ist übrigens Oxford-studierter Physiker und unterrichtet aus purer Leidenschaft als Lehrgut und -kraft in Leeds! So it goes, sag ich da nur.

Doch speaking of Zahnbürste: Ich werde nun schließen (zuerst den Blog und dann meinen Laptop), um zuerst der Zahnpflege und anschließend Koma/Halluzination/Amnesie zu frönen.

Tüdeldü!


Antworten

  1. Ach, wie amüsant ist doch wieder dieser neue blog. Das regt meine Lachmuskeln an, wie ich das liebe!!!
    Danke, lieber Jossi

  2. Hallöchen, Jossi,

    wiedermal ein schöner Blog-Eintrag :-) Meine Anmerkungen in listenreicher Form:

    - 23 ist nicht schlimm. 25 auch nicht, und 30 wird es auch nicht sein. Scheinbar verhindert meine manische Abneigung gegen gesellschaftliche Konventionen, dass mich mein Alter stört ;-)
    - Wandern ist echt uncool. Mach weiter damit! Gegen die Konvention! HrHrHr
    - Das mit der Mütze find ich lustig. Mach mal ein Bild davon, wie sie dir auf dem Kopf sitzt *g*
    - xkcd for the win! http://xkcd.com/528/


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