Einkaufen finde ich hier manchmal immer noch etwas befremdlich. Großeinkäufe tätige ich wahlweise bei Tesco oder Asda, zwei Läden, die sich alles andere als unähnlich sind, was so den Aufbau des Interieurs anbelangt. Das führt dann immer dazu, dass ich ganz alltägliche Waren um des Verreckens Willen (dieser dialektale Ausbruch sei mir hier erlaubt) nicht finden kann, weil sie zum einen in den beiden Supermärkten an unterschiedlichen Orten versteckt und zum anderen ganz doof und unlogisch sortiert sind. Klopapier und Tempos würde ich zum Beispiel instinktiv in unmittelbarer Nähe lagern. Hier aber muss anscheinend mindestens ein Regal mit polnischem Dosengemüse oder Bio- bzw. Non-Bio-Waschmittel dazwischen liegen (Hier wird glaube ich so gedacht: zuerst probiert man Bio, weil eben bio und denkt dann: “Meh, funktioniert ja gar nicht!” Beim nächsten Einkauf greift man dann zielsicher zur markierten Chemiekeule, weil wirksam. Umwelt egal – in England sowieso!) Wenn nun auch noch der Samstag als Einkaufstag gewählt wird (unverzeihlich!), irrt man verloren und unrasiert zwischen Dutzenden von Briten, die außerdem fast ausschließlich aus den eigenen Schülern zu bestehen scheinen, durch das Konsumlabyrinth des Super-, nein, Monstermarkts! Dann doch lieber täglich zum kleinen und teureren Sainsbury’s um die Ecke…
Rätselhaft sind auch die in hellrosa bis flieder getauchten Grußkartenparadiese, deren Pastellfarben einem hier an jeder Ecke die Magenwände erzittern lassen. Bis jetzt ist mir noch nicht einsichtig geworden, weshalb man mehr als 40 qm Ladenfläche dem Objekt Grußkarte widmen sollte und dann scheinbar alles daran setzt, nur hässliche, peinliche, lahme oder von allen drei Eigenschaften überreich Gebrauch machende Exemplare zu exponieren. Ich bin hier jedenfalls fast ausschließlich dazu übergegangen, alle Geburtstagskarten selbst anzufertigen. Wer nun mit dem erhaltenen Botschaftsträger nicht zufrieden sein sollte, sei vertröstet: Es hätte viel schlimmer kommen können!
Doch eigentlich will ich mich nicht nur beschweren über die englische Konsumkultur. Eine sehr feine Einrichtung sind nämlich die Wohltätigkeits- und Krankheitsbeseitigungsläden (Oxfam, British Heart Foundation, Cancer Research UK…), die meine CD-Sammlung beträchtlich haben anschwellen lassen. Und Bücher! Wie soll ich diese Bibliothek nur wieder zurück nach Deutschland schaffen? Ich sollte auf E-Books umsteigen! (Vielleicht mit dem neuen iPad?) Aber gibt es dort überhaupt einen Gebrauchtmarkt? Oder bei iTunes? Argh! Die digitale Revolution frisst jede Nostalgie und Geheimnisvölle von Ton- und Zeichenträgern! Was gibt es Schöneres als vergilbte Seiten, geziert von in blumiger Handschrift verfassten verblassten Widmungen an irgendjemandes Ex-Freund? Oder unachtsam zerkratzte und -schabte CDs in nur von gutem Willen zusammengehaltenen Hüllen gleicher Bearbeitung? Nichts!
(Beziehungsweise nur Weniges. Unter anderem:
- Scarlett Johansson
- der alte HSBC-Stützpunkt in Manchester (siehe Oktober)
- schüchtern mit Fremden flirten und sie niemals ansprechen, so dass sie auf ewig als Geister in deinem Gehirn herumspuken
- die Stimme von Owen Pallett)
Ja, Owen Pallett! Zuletzt gehört: kürzlich! Und zwar vorletzten Sonntag im Deaf Institute in Manchester, wo mir zuvor schon Why? meinen Geburtstag versüßt hatten. Beide Konzerte sowie der Ort an sich waren und sind nur mit Attributen wie prachtvoll, herzlich oder herzerwärmend zu beschreiben. Die Räumlichkeit mutet mit seiner an der Rückseite vorzufindenden Sitztribüne fast wie ein altes Theater an – eine ideale Kulisse für die musikalischen Schauspiele, die sich uns bei beiden Konzerten bieten.
Die Tickets für das Konzert der Indie-Hip-Hopper Why? erstehe ich nur ganz kurzfristig und völlig überraschend und bin deshalb umso erfreuter, ihrem Treiben beiwohnen zu können. Genauso überraschend sitze ich vor der Show in einem Vegetariertempel unweit der Venue am Nebentisch und deshalb Rücken an Rücken mit Yoni, dem Sänger der Band, und verspeise ehrfürchtig mein Gemüseirgendwas. Ganz respektvoll spreche ich ihn nicht an, aber was sollte ich ihm auch erzählen? Der Mann weiß alles! Schaut euch seine Texte an! Neben der lyrischen Komponente erstaunt mich live auch zum wiederholten Mal das Spiel des Schlagzeugers Josiah, der gleichzeitig noch zielsicher sein Vibraphon bedient! Beeindruckend! Als Vorband fungieren die Berliner I Might Be Wrong, auch sehr nett, aber irgendwie unglaublich jung! (Was habe ich mit Anti-Trust und Irie nur falsch gemacht??)
Der Abend mit Owen Pallett spielt sich etwas kontrastreicher ab. Passend zur Lokalität empfängt uns zu Beginn erstmal klassische Musik aus der Konserve und ich fühle mich ziemlich sophisticated. Dann aber die erste Kehrtwende: Es spielt eine norwegische Instrumental-Electro-Metal-alles-auf-einmal-und-trotzdem-supertoll-Band, deren Namen niemand versteht, weil der Gitarrist während der Lieder zwar wie ein Berserker über die Bühne tollt, in den Pausen aber schüchtern und mit Akzent ins Mikro flüstert. Eine sehr unterhaltsame Bande und vermutlicht nicht das, was sich der Großteil des Publikums erwartet hat. Nice! Schließlich betritt aber Owen Pallett, eine irgendwie bardenhafte Erscheinung, die Bühne. Die Geige im Anschlag und ein Loop-Pedal zu Füßen schichtet er Tonspur um Tonspur zu sehnsüchtigen Klangkosmen auf und erreicht so fast ohne Beihilfe anderer Musikanten eine dem Konzertsaal angemessene Opulenz. Nur ab und an unterstützt ihn ein waldschratiger Gitarrist und Trommelbediener und tanzt dazu amüsant und wie in Trance um sein Instrumentarium. Das Ganze – die Musik, Palletts Ansagen zwischen den Liedern, der Saal, die Stimmung, der Waldschrat – kann durch nichts anderes als schön bezeichnet werden! Umso ärgerlicher, dass wir (Jens, Max und ich) schon vor Ende des Konzerts zum letzten Zug eilen müssen (aber warum muss man das Konzert überhaupt sonntags veranstalten?). Zwischen zwei Liedern und nachdem ich Irina per SMS nochmals verzweifelt nach dem letzten Zug gefragt habe, hasten wir also von der Sitztribüne durch die Menschenmasse zum Ausgang und ich bin mir sicher, dass ich irgendjemandem ganz schrecklich über den Fuß gelaufen bin und die Person mit dem nun verdrehten und zertretenen Knöchel nie wieder richtig laufen können wird. Es tut mir Leid! Aber… der Zug! Ach, lebte ich doch nur in Manchester…
Die ganze Nacht durchzufeiern hätte sich allerdings auch zu einer sehr fordernden Aufgabe aufgetürmt, waren Max und ich doch den Tag zuvor in Liverpool unterwegs, um tagsüber die ganze Stadt inklusive der drei Kathedralen (Liverpool Cathedral, Liverpool Metropolitan Cathedral, Anfield Stadium) zu durchwandern und abends dann diverse Trink- und Tanztempel unterschiedlicher Güteklasse anzusteuern. Ein sehr vergnüglicher Tag, der dankbar mit einem Schlafplatz am Wohnzimmerboden des deutschen Straßenmusikers Tom beschlossen wurde. Danke hier nochmal an Max für den netten Besuch! Und an Tom für die Gastfreundlichkeit!
Wer sich nun noch kurzfristig entschließen sollte, hier vorbeizuschauen, hat genau sieben Wochen Zeit. Ab Anfang Juni bin ich nämlich ziemlich sicher wieder in Deutschland vorzufinden. Bis dahin folgen hoffentlich noch ein paar Blogeinträge, unter anderem bald: Meine Schottlandreise von letzter Woche. Stay tuned!



Ach Sohn! Wieder sind Deine beiden Eltern begeistert und amüsieren sich köstlich.
Wir freuen uns schon auf Schottland.
Bis denne… Mom
Von: Ulrike Ender am 7. April 2010
um 21:42