Wuööhrghhh!
Blinzeln, Zittern, Warten.
Wuööhrgkhhh!
Ein Strahl, so stark, ich würde abheben und davon schnellen, hielte ich mich nicht an der Schüssel fest. Es ist der vorletzte Tag unserer Schottlandreise und ich hänge in verkrampfter Erbrechensstellung über dem Klosett des Princes St Backpacker Hostels in Edinburgh. Aus irgendeinem unteren Geschoss des Gebäudes tönt eine Liveband, sie klingt wie R.E.M. und ich denke mir, dass das zu meiner Lage doch überhaupt nicht passen will und wünsche mir, dass eine schlimme Coverband „Summer Of 69“ spielt oder „It’s My Life“ oder „How You Remind Me“. Gleichzeitig frage ich mich, was in meinem Magen wohl vor sich gehen mag. Was hab ich bloß gegessen gerade eben? Giftmüll? Es hat doch nach Burger geschmeckt! Die Band spielt weiterhin gefälligen Alternative Rock und ich entleere mich endgültig in drei weiteren Stößen in die Toilettenschüssel und stelle mir vor, wie mein unverdauter Mageninhalt durch die Rohre des gesamten Gebäudes fließt, vorbei an der Liveband, vorbei an einem Billigstimbiss im Erdgeschoss und ab in den Untergrund Edinburghs, raus aus der Stadt und dann gefiltert in irgendein Gewässer und von dort ins Meer.
Ein kleiner Teil wird so an der schottischen Küste entlang getragen und bleibt irgendwann in einer Bucht der Isle of Skye hängen, wo er in den Kiemen eines Lachses allen Sauerstoff beraubt wird. Besagte Insel ist ein nahezu paradiesischer Ort, der während der zwei Tage unseres Besuchs von ebenso edengleichen Sonnenfluten umspült wird. Mit Audreys Automobil und dem Navi, das „Muh!“ macht, wenn man zu schnell fährt, umrunden wir einen Teil des Eilands und passieren herrenlosen Herden verschiedener Spezies, Wasserfälle und eigentlich Delfine (die ich bisher in Schottland nicht vermutet hatte), die sich uns aber nicht zeigen wollen, die Feiglinge! Um es ihnen heimzuzahlen, überlege ich mir, Thunfisch aus unkontrolliertem Fang zu kaufen, weil sich bestimmt einige Delfinschnitzel in die Dosen verirrt haben! Aber nein, mein Gewissen sagt nein. Es sind auch einfach zu edle Tiere, man sollte sie nicht essen. An beiden Abenden forsten wir unser spärliches Trinkspielwissen mit einer Gruppe von Amerikanern und Spaniern auf – DIRTY, DIRTY, FIVE, FIVE! Ein feuchtfröhlicher Spaß, der sich unter meinem Blick von einem zu verachtenden Proll-Kokon in einen geselligen Schmetterling verwandelt.
Die Wetterfreuden auf der Isle of Skye erreichen uns nach einem wilden Ritt durch schneebedeckte Highlands ganz unerwartet, werden aber mit offenen Armen empfangen. Die ersten zwei Tage in Glasgow sind nämlich in regengraue Schleier gehüllt, was zum farblichen Grundton der Stadt sicher passen mag, uns aber trotz der atmosphärischen Einheitlichkeit nicht immer in vollem Umfang gefallen will. Wir weichen auf zwei Museen aus, essen Suppe, kochen im Hostel – Regensachen eben. Nach dem sehr feuchten tête-à-tête mit Glagsow muss hier nun deshalb leider die Befürchtung bestätigt werden, dass besagte Stadt nicht halb so schön ist wie Edinburgh. Aber welche Stadt ist schon halb so schön wie Edinburgh? Keine! (Abgesehen von Crewe vielleicht. Und Pen Island. Gruß an Tom und Anuschka an dieser Stelle.)
Jens stellt sich alsbald als Küchenchef und Gaumengott der Truppe heraus: Pasta, Fisch, Full English Breakfast und Burger (siehe Erbrechen – allen anderen ging es aber gut!) rührt, brüht, brät und zaubert es uns in den Hostelküchen auf den Teller. Ich danke hier noch einmal. Selbst als uns in Kyleakin Hostelmitbewohner mit verkokelndem Knoblauchbrot im Backofen ein Rauchmeldermedley vorspielen wollen, bleibt er gelassen und köchelt unser Mahl zu Ende. Vorbildlich!
Die einzige kleine Enttäuschung der Reise finden wir am durch kaum mehr als „das nasse Loch“ zu bezeichnenden Loch Ness vor, das zwar mit Scharen von Touris auf üppig bepreisten Bootsfahrten aufwarten kann, ansonsten aber wenig Außergewöhnliches bietet. Wo, bitteschön, war das Monster? Nicht einmal einen Schatten konnten wir ausmachen! Da waren ja die Delfine präsenter! Pah!
Ansonsten ist die Reise aber von überaus schöner Natur, was sicher mit der harmonischen Truppe und der überaus schönen Natur in Zusammenhang steht. Ist dieser Witz schlecht? Ich glaube, ja. Noch schlechter ist nur mein sonntägliches Befinden in Edinburgh. Den ganzen Tag über hänge ich matt im gitterigen Rost meines Gefängnis- und Hosteleinheitsbetts und sehe den wenigen Leuten beim Betreten und Verlassen des Zimmers zu. Neben einer Dreiergruppe von Franzosen teilen wir das Zimmer mit drei jungen Kerlen von Anfang zwanzig oder jünger, die sich besonders in den beiden Nächten den Unmut des gesamten Zimmers zuziehen, sie schnarchen nämlich ganz furchtbar laut! Wir verfluchen sie still. Sonntags dann sehe ich sie dreimal ins Zimmer zurück kommen, wo sie sich dreimal eine neue Garderobe aus ihren riesigen Koffern kramen. Seltsame Gesellen. Sie sprechen außerdem eine Sprache, die ich nicht zu verorten vermag. Handelt es sich bei der Schlafgeräuschgemeinschaft etwa um Ungarn? Europäisch sehen sie nämlich durchaus aus! Gut, einer der Krawallschlummerer erinnert mich ehrlich gesagt an die Gefährten in Herr der Ringe und so entfaltet sich hinter meinen maladen Schläfen die Geschichte von drei Hobbits, die mittels Zeit- und Paralleluniversumsmaschine nach Edinburgh gelangen und sich täglich dreimal umziehen müssen, um ihren strengen Fabelwesengeruch zu verstecken. Ich frage mich, was Tolkien dazu sagen würde.
Den Rest des Tages wanke ich vom Zimmer in die Küche oder zum Abort und gieße Flüssigkeiten in mich hinein oder aus mir heraus. Es macht wenig Spaß, aber was will man vom Kranksein auch erwarten. Kein Ponyhof, etc.
Montag ist schließlich Genesungsbeginn und so wird auch die Heimfahrt nur halb so schlimm. Wir lassen die schönste Stadt des Königreichs hinter uns, Hobbits, Monster und Delfine und eine Woche angefüllt mit allen vier Jahreszeiten und tausend Meilen on the road. Schlösser außerdem und Berge aus Stein und Schnee inmitten karger Weiten –
Schottland eben!


es ist dienstagmorgen, ich fühl mich so todmüde. dabei ist schon es inzwischen schon neun! zum aufwachen dachte ich daran eine runde bissi was im inet zu lesen.. den geist erwecken.
liebster jossi, so ein amüsement war mir am morgen schon lange nicht mehr vergönnt. wo ich mich zum aufwachen normalerweise doch durch facebook stalke. großen dicken fetten respekt für die kotz-geschichte! saulustig!
und neid für die wunderbare schottland-erfahrung! ich liebe deinen stil. du hast ihn, junge!
ganz liebe grüße und ein total wienerisches “bussalbaba”, deine A.
Von: annikanni am 27. April 2010
um 07:18