Erst ein paar schüchterne Tropfen, dann die große Explosion: Als hätte jemand einen riesigen Plastiksack voll mit styroporenen Kügelchen zwischen die Wolken gehängt und dann aufgestochen, fallen Millionen von Hagelkörnern auf die Erde, auf Autos und auf die Häuser und Sträßchen von Crewe. Für einen Moment scheint alles ganz unecht. Im Regen der Kunsstoffkugeln erwacht ein beinahe möbelhäuslicher Wohnzimmerfassadencharme und ich überlege mir, im Freien stehen zu bleiben und vom Schirm geschützt dem Schauspiel beizuwohnen. Und stelle mir vor, dass, wenn man nur lange genug draußen steht und wartet, sich die ganze Stadt mit Styropor füllt und niemand mehr geht oder fährt, sondern rudert, mit Armen und watend oder in einem Boot sitzend und mit Paddel. Schließlich schließe ich aber doch die Tür auf und gehe nach drinnen, draußen ist es nämlich, trotz aller comicweltlichen Verzauberung, kalt.
Es ist eine Zeit der Parallelwelten, dieser Mai in diesem Jahr. Mit jedem Tag rückt der Abschied von England ein kleines Stück näher und auch wenn ich jeden einzelnen Moment hier ausweiden wollte, muss ich mich doch mit der Zeit nach meiner Rückkehr befassen – Bewerbungen, BAföG-Anträge, Urlaubsplanung, Hausratversand. Die ständige Rückschau und Frage, ob sich die Zeit hier gelohnt habe, bleiben natürlich nicht aus. Ich musste mir erst ein paar Mut zusprechende Zeilen aufschreiben, um mich selbst vollends zu überzeugen. Aber ja, doch, es war wichtig und richtig. Eine feine Zeit.
Doch genug der Introspektion! Auf der anderen Seite meiner Schädeldecke passiert nämlich mindestens genau so viel. Vorgestern zum Beispiel folgte ich meiner ganz natürlichen Ordnungssehnsucht, die mich alle paar Wochen dazu zwingt, den örtlichen Frisör hier aufzusuchen. Das hatte bis dahin immer gut geklappt und das Ergebnis war allermeistens befriedigend bis annehmbar. Sicher, wie nach jedem Frisörbesuch hastet man erstmal schnell und hoffentlich unerkannt nach Hause und dort vor den Spiegel, weil nach dem Schneiden plötzlich alles so unglaublich kurz und komisch aussah. Dann folgt aber bald schon die Erleichterung und nach einem kurzen Durchwuscheln der Haare sieht eigentlich alles aus wie vorher, nur kürzer und möglicherweise besser.
Nicht so dieses Mal.
Zu kurz! Zu spießig! Zu… alles!
Mit unschuldigem Lächeln hatte die gute Frau noch bemerkt, dass die Locken ja verschwünden, wenn man die Haare kürzer schneide. Rückblickend muss ich sagen: Natürlich verschwinden die Locken! Wenn man alle Haare abschneidet, verschwinden auch die Locken! Locken bestehen aus Haaren! Ohne Haare keine Locken! Gosh!
Ja, nun hilft nur Warten. Warten aufs Wachsen. Hrmpf.
Einen Ort, den ich aufgrund seiner ebenso übermäßigen Unansehnlichkeit vielleicht als böses Vorzeichen hätte werten soll, sah ich mir noch schnell am letzten Montag an: Birmingham, die zweitgrößte Stadt Englands!
Hier wäre ich gelandet, hätte ich mich für ein Erasmus-Jahr entschieden. Hier in diesem, wie soll ich es nennen… rattenverseuchten Höllenloch? Ein von den geschwollenen und ungestümen Pranken der Nachkriegsplanungseffizienz angerichtetes Betonunglück? Na ja, irgendwie so was wohl. Grau, steinern und nicht zwangsläufig ein Ort, mit dem man Attribute wie „schön“ oder „hübsch“ beschmutzen wollte. Gut, manche Flecken stellen sich dann doch als hässlich im Sinne von hässlich-interessant heraus. So zum Beispiel ein leerstehendes Parkhaus mit einem Bild von Kylie Minogue an der Wand (Ha, guter Trick! Einfach in der ganzen Stadt Bilder von schönen Frauen auf den blanken Beton pappen – fertig ist die schöne Stadt!) Ich finde außerdem einen netten und großen Second-Hand-Laden und kaufe ein blaues T-Shirt mit Seltsam-Aufdruck für drei Pfund. Die Alternative-Tour setzt sich in ein Öko- und Weltverbesserungscafé fort, wo ich irgendeinen Gemüseburger esse – trocken, aber doch ok-lecker, so das Fazit. Die Kanäle im Südwesten der Stadt sind dann der vielleicht einzige richtig schöne Ort, den ich in der Stadt entdecke. Nice, aber nicht so toll wie die in Manchester, meiner zukünftigen UK-Wahlheimat. Dort also herumstromern, kurz zurück in die Innenstadt, bei H&M eine unmöglich geschnittene Hose anprobieren, im Café Kaffee ungeschickt in die Untertasse rinnen lassen und den Rest trinken und dann auch schon wieder zurück in die Homebase Crewe. Hier nun also eine nicht unbedingt uneingeschränkte Empfehlung für Betonham – schon ok, aber irgendwie dann auch… hm.
Eigentlich so wie erwähnte Hose: an den falschen Stellen irgendwie zu groß, grau und die Verwunderung hervorrufend, wie sich darin jemand wohl fühlen soll.
Nach all dem Unschönen muss ich aber noch kurz von meiner neuen Liebe berichten. Ich, der bis jetzt immer alle Autonarren als tumbe Blechschädel betrachtete, hat tatsächlich DAS Auto gefunden im Sinne von das-allerbeste-und-allercoolste-Auto-der-Welt-das-ich-mir-jetzt-sofort-kaufen-möchte! Ha! Peinlich, ja. Aber das Gefährt ist einfach zu schön, um es nicht zu mögen, nein, lieben! Es handelt sich um den
Fiat 500 (Fanfaren)!

„Fiat?“ möchte man meinen, „Sind das nicht diese kleinen, hässlichen, unbequemen Kartons mit Rädern dran?“
Ja! Genau die! Der Fiat 500 (Fanfaren) unterscheidet sich von seinen Geschwistern allerdings durch das erhabenste Design, das man sich nur vorstellen kann. Würde Apple Autos herstellen, sähen die genau so aus! Ich schwör’! (Zugebenermaßen habe ich das Ding bis jetzt nur von außen betrachtet, und wenn man damit fährt, wünscht man sich bestimmt, nie mehr in ein Auto steigen zu müssen, weil es unerträglich lahm und eng ist. Aber egal – nach siebeneinhalb Monaten Minirockdauerbeschuss sind mir alle inneren Werte egal geworden!)
Mein Plan für die verbleibenden zweieinhalb Wochen also: Geld beschaffen (irgendwoher!), Fiat 500 (Fanfaren) kaufen, miniberockte Schönheiten einladen und – zack! – zurück nach Deutschland eiern! Wer also bald das schönste Auto der Welt laut hupend die Straße hinab fahren sieht, weiß, dass ich wohlbehalten zu Hause angekommen bin.
Und jetzt geh ich die HSBC ausrauben, die sind sowieso doof.
Ciao!
![P1020518 [Kylie]](http://creweyou.files.wordpress.com/2010/05/p1020518-1024x768.jpg?w=300&h=225)