Irgendwann Ende November in einem Zug in Baden.
Züge sind die schönsten Transportmittel der Welt, egal ob in England oder Deutschland.
Wo sonst bekommt man die Gelegenheit, sich vom mofaartigen Knattern und Knarzen schlechten Gewalt-aber-wir-haben-auch-Gefühle-Metals zuscheppern zu lassen, der vom mp3-player seiner Vordermännin jeglichen Bassfrequenzen beraubt den Luftweg bis zu den eigenen Ohren mit Geräusch, das vermutlich „böse“, „ehrlich“ und darüber hinaus „Musik“ von „echten Männern“ sein soll, zumüllt? Bekommt man selten, genau. Ich schließe also meine Augen und versuche, diesem kostbaren Moment allen ihm gebührenden Raum zu lassen, versuche, sein gesamtes Gewicht auf dem Seidentuch meiner Existenz zu spüren. Danke, schöngeistige Fremde. Doch bist du eigentlich schon taub?
BIST DU EIGENTLICH SCHON TAUB? In Gedanken sehe ich mich neben ihrem Sitz im Gang stehen, jede Faser meiner Stimmbänder bemühend, um mich nach ihrem auditorischen Wohlergehen zu erkundigen. Die Unterhaltung des gesamten Zugwagons ist zwar sicher ein Akt ausgesprochensten Großmuts, aber irgendwo hat auch jede Selbstlosigkeit ein Ende. In meinem Kopf also reiße ich ihr zutiefst alarmiert die Gummistöpsel aus den Ohren, wobei einer der Lärmknubbel sich in ihrem der Originalität und Echtheit des Riffgewitters in nichts nachstehenden Ohrring verfängt und diesen in Folge meiner beherzten Bewegung unbarmherzig und humorlos durch das rosa Fleisch ihres Ohrläppchens zieht. Bist du verrückt, Kind? Denk doch an dein Trommelfell! rufe ich mit der Besorgnis einer liebenden Mutter, während eine blutrote Flüssigkeit (Das könnte Blut sein, denkt sich der Hämatologe in meinem Kopf) in einem bemerkenswert geraden Strahl aus dem unteren, nun geteilten Ende ihrer Ohrmuschel dringt und dem royal-navyblauen Karomuster des Deutsche-Bahn-Sitzes neue Frische, neues Leben verleiht (Ach Gott, den Sitz muss man am besten gleich einweichen, denkt sich die gute Hausfrau in mir). Aaargh! schreit das geräuschgeile Gör. Du dumme Sau! In die Wut ihrer Stimme sickert sofort die Art von Enttäuschung, die kleine Mädchen ihren Tränen beimischen, wenn ihr rüder Klotz von Klassenkamerad ihnen im Sportunterricht den Fußball ins Gesicht gewuchtet hat. Ach Scheißeee! Nun folgt auch das Schluchzen. Das Blut hat nämlich nicht nur den Sitz besudelt, sondern auch den weißen Pelzkragen ihrer kunstledernen Winterjacke. Ach, Scheiße, ja, muss ich dann irgendwie zugeben. Ich hol da mal was für, murmele ich und verzieh mich schnell auf die Toilette.
Wovon jede Bahnfahrt in deutschen Zügen ja unbedingt begleitet sein sollte, ist der quasi-rituelle Reinigungsakt des Händewaschens. Nicht etwa der Hygiene wegen, nein! Die Seife! Der göttergleiche Duft der Seife! Die Zitronenmelissenseligkeit der DB-Reibe-Seife! In meinen Gedanken stehe ich nun, innerlich tief bewegt, vor dem zerkratzten und beschmierten Spiegel der Zugtoilette und sehe Tränen der Glückseligkeit wie flüssige Saphire meine Wangen hinunterkullern. Oh Seife! sehne ich. Melisse! Ich versenke die zitternden Fingerspitzen meiner rechten Hand im lauwarmen Seifensud, der im verstopften Waschbecken wie ein Tagtraum zu verweilen scheint. Feierlich, wie zur Taufe der Pfarrer, hebe ich schließlich meine Hand und schreibe, während jeder Buchstabe unter der Melissenfeuchte meines Zeigefingers quietscht, meine Botschaft an die Welt auf die von Eddingsentenzen entweihte, silberne Spiegelfläche:
Sonett an die Seife
(Hier könnte Ihr Sonett an die Seife stehen!)
Hach! Ich trete einen Schritt zurück, um mein Werk zu betrachten. Plitsch-platsch machen meine Schritte und ich frage mich, warum manche Menschen eine Toilette aufsuchen, um dann neben die Schüssel zu strullern. Doch halt, Urin ist nicht rot (Es sei denn, man leidet unter Hämaturie – auch ein Urologe scheint in meinem Kopf zu sitzen)! Die Lappen! Das Läppchen! Der Kragen! Das Mädchen! Wie der Geruch von Ammoniak schießt mir meine ursprüngliche Toilettenmission wieder in den Kopf. Ich haste zur Tür, drücke wild und wiederholt auf eine grünen Knopf, die Tür macht Pffsch, schiebt sich zur Seite, ein großer Schwall von Blut, eine Blutflut, Swuschsch, ich werde erfasst, rudere mit allem, was rudern kann und bekomme, irgendwann im Gang angekommen, endlich meinen Kopf wieder über die Oberfläche des roten, dickflüssigen Gewässers. Sie… ist… Bluter… höre ich einen gurgeln. Das… heißt… BluterIN… gurgelt und keift eine zu hohe Frauenstimme zurück (Bluter. Dysfibrinogenämie. Mutation im Exon 3 der coiled-coil-Region, gibt nüchtern der Hämatologe zu Protokoll. Ach Gott, den Zug müssen wir am besten gleich einweichen. Die Hausfrau. Und eins und zwei, und rudern und stechen! ruft schließlich ein Profischwimmer von athletischer Statur, dessen Existenz in mir ich bis dahin nicht gewahr war. Genau, wir müssen hier raus! Alle drei sind sich einig). Ich mühe mich also rudernd und mit lecker Eisengeschmack im Mund zur rechten Seite des randvollen Blutgefährts und bekomme nach drei Versuchen mit dem roten Hammer (Den ich schon immer mal ausprobieren wollte! Der kleine Junge in mir ist begeistert) die Scheibe eingehauen. Swuschsch macht es wieder, Fluschsch, als sich der gesamte Schwall aus dem nun stehenden Zug auf einen steinernen Bahnsteig entleert. In einer roten, warmen Lache liege ich. Auf dem blanken Beton. Um mich die anderen, ächzenden Fahrgäste. Meine Augen versuchen, den Schmerz, den mein Hinterkopf in Folge des Sturzes zu berichten hat, zu ignorieren und bekommen nach ein paar Versuchen den Blick auf ein blaues Schild mit weißer Aufschrift scharfgestellt. Karls… ruhe. Wir… sind… da. Aus dem Augenwinkel sehe ich, während meine Sinne mich verlassen, das Metalmädchen noch immer vor ihrem Sitz im Wagon stehen. Ihr Blick ist leergesaugt und auch ihr offen stehender Mund gibt keinen Laut mehr von sich. Ihr Gesicht, ihr ganzer Körper erinnert mich an das müde Fruchtfleisch einer ausgepressten Zitrone. Mmh. Zitrone. Melisse. Man… bringe mir… die Seife.
(Bewusstlos. Sauerstoffmangel. Hilfe wär gut jetzt! Leicht besorgt klingt er, der Hämatologe. Ach, das wird schon, sagt die Hausfrau. Aber Gott, am besten sollten wir ihn gleich einweichen! Richtig, ja! Genau. Schnauze! schreie ich, Schnauze! Seid endlich still in meinem Kopf! Ich werd noch verrückt mit euch! Ich flüstere auf beunruhigend irre Weise, während meine Hand den letzten Satz dieser Geschichte schreibt, anschließend meine Sachen greift und ich am nächsten Bahnhof am weißen Pelzkragen vorbei gehe und in Fahrtrichtung rechts aussteige: Karlsruhe. Wir sind da.)
Haha, sehr nixe
Ich war anfangs noch erstaunt, dass du den “Mut” hattest, ihr die Ohrstöpsel zu entfernen (gestern auch so ein abscheuliches Kind in der Bahn; Handy für 400€ und kann sich keine Stöpsel für 10€ kaufen), aber dann wurde es ja sehr schnell skurril
Lustige Geschichte jedenfalls, und super geschrieben!
Was machst du überhaupt in Karlsruhe?
Von: Achim am 3. Februar 2011
um 08:03